MMS: Auf den Winter ist kein Verlass mehr

Der Winter ist nicht mehr das, was er einmal war. Fachleute sprechen inzwischen von dem wärmsten Winter seit Beginn der Klimaaufzeichnungen. Das hatte Auswirkungen auf das Winterreifengeschäft, insbesondere aber in dessen Folge auf die Erhöhung der Lagerbestände an Pkw-Winterreifen am Ende des Geschäftsjahres. So hat das Beratungsunternehmen MMS (Marketing + Management-Systeme GmbH) aus Bad König als Ergebnis von Umfragen im Reifenfachhandel einen Lagerbestand für den Stichtag 31. Dezember 2006 zwischen 2,9 und 3,2 Mio. Stück Winterreifen ermittelt.

Dabei sind die Bestände nicht so sehr in der Breite des Marktes, sondern mehr als punktuelle Schwerpunkte zu sehen. Weiterhin sind die Bestände in den Unternehmen niedriger, die mit Nachschubsystemen ihre Lagerbestände und damit ihr Working Capital steuern.

Der Unterschied in den Zahlen ergibt sich aus dem Distributionsanteil im Sellout des Reifenfachhandels, der bei 55 bzw. bereits bei 50 Prozent gesehen wird. Es mehren sich die Stimmen, die die 50 Prozent als die realistische Größe betrachten und die damit verbundenen Veränderungen des Marktes dem Verkaufskanal der freien Werkstätten zuordnen. Als ein Auslöser dafür wurde genannt, dass während der Hausse Ende Oktober/Anfang November der Reifenfachhandel die extrem starke Nachfrage im Markt teilweise nicht mehr allein abdecken konnte und somit andere Vertriebswege wie freie Werkstätten stärker frequentiert wurden.

Über den Großhandel sowie über Internetplattformen im B2B mit ihren unterschiedlichen Geschäftsmodellen konnten die freien Werkstätten die Nachfragespitzen kurzfristig bewältigen. Gegen diese Entwicklung spricht, dass auch dieser Verkaufskanal einen Bestandsaufbau zu verzeichnen hat, obwohl geringe Lagermöglichkeiten dies nicht zulassen sollten. Große Systemanbieter haben sich höher bevorratet.

Insgesamt sieht MMS über alle Vertriebskanäle einen Lagerbestand von knapp über vier Millionen Pkw-Winterreifen. „Das ist eine stabile Zahl, die wir durch eine Vielzahl von Gesprächen im Markt recherchiert haben“, sagt Joachim F. Krahl, Geschäftsführer der MMS GmbH. Diese Aussage wird durch die Ergebnisse der Jahresumfrage von MMS verstärkt. Danach hat der Reifenfachhandel 19,4 Prozent der disponierten Winterreifen zuzüglich der Lagerbestände aus der Saison 2005/2006 am 31. Dezember 2006 noch auf Lager gehabt.

Weitere Ergebnisse der Jahresumfrage sind, dass der Reifenfachhandel unter dem Eindruck der hohen Lagerbestände in der kommenden Saison weniger Winterreifen disponieren bzw. erst einmal die Bestände abbauen will. Der aktuelle Wintereinbruch wird allerdings die Bestandssituation etwas entspannen. Werden noch größere Mengen vermarktet, wird Druck aus dem Markt genommen.

In einigen Gesprächen wurden Wachstumsraten bei Ganzjahresreifen ab August 2006 besonders erwähnt. So haben Ganzjahresreifen teilweise bereits 15 Prozent Anteil am gesamten Pkw-Reifenabsatz. Diese Mengen konzentrieren sich vor allen Dingen auf kleine Dimensionen. Dabei liegen die Schwerpunkte in Norddeutschland. Die verstärkte Nachfrage nach Ganzjahresreifen führte bei der Reifenindustrie zu Lieferengpässen.

Der Handel mit Winterreifen ist ein internationales Geschäft. Dazu Krahl: „Wir dürfen den deutschen Reifenmarkt nicht isoliert betrachten. Es gibt in Europa große Warenströme. So sind in Italien, Belgien und den Niederlanden die Winterreifenmärkte wesentlich stärker gewachsen als in Deutschland. Und das passierte ohne eine Änderung der StVO. Auch dürfte der Winter in diesen Märkten ähnlich wie bei uns gewesen sein. Auf welchen Autos die Winterreifen letztendlich montiert wurden, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur spekulativ zu beantworten.“

Festzuhalten ist, dass auch in diesen Märkten höhere Lagerbestände sein werden, die einen Mengendruck aufbauen und die Supply-Chain der kommenden Saison verstopfen können. Der Reifenfachhandel hält dabei mehrere Szenarien für möglich:

1. Die Reifenindustrie wird unter dem Eindruck der erhöhten Lagerbestände die
Kapazitäten anpassen, um den Mengendruck aus dem Markt zu nehmen.

2. Die Lagerbestände führen zu einem Druck auf die Menge und damit zu einem
verstärkten Druck auf die Preise, was letztlich zu Preiserosionen führt. Erste
Informationen bestätigen eine solche Entwicklung.

3. Die Reifenindustrie setzt bei steigenden Kosten auf Preiserhöhungen. Damit
werden die Winterreifen teurer bzw. die Einkaufswerte für die Lagerbestände
eröffnen dem Reifenfachhandel die Möglichkeit, höhere Roherträge zu erwirt-
schaften, wenn es gelingt, höhere Verkaufspreise durchzusetzen.

Auf jeden Fall wird jetzt im Reifenmarkt über Valutierungen und Lagerkostenzuschüsse gesprochen. Dabei wird teilweise von einem unbürokratischen, formlosen Vorgehen der Reifenhersteller berichtet, nachdem Lagerlisten vom Außendienst gefordert werden. Es wird aber auch von Rücknahmen berichtet. Danach können 15 Prozent der Grundbestellmenge zurückgegeben werden. Dazu Krahl: „Gut dran sind die Unternehmen, die bereits im letzten Jahr Reifen getauscht oder zurückgegeben haben.“ Darüber hinaus gibt es Überlegungen im Handel, für die kommende Saison eine Baisseklausel zu fordern.

Weiterhin wird die Frage nach einem Abwertungsausgleich diskutiert. Das setzt voraus, dass der Reifenfachhandel seine Lagerbestände in Erwartung weiterer Preiserosionen zum Ende des Geschäftsjahres abwertet. Dieser Punkt muss unternehmensspezifisch gesehen werden. So sehen einige Unternehmen in den Reifen weder eine verderbliche noch eine modische Ware. Darüber hinaus setzen sie auf eine Reduzierung des Mengendrucks durch Kapazitätsanpassungen. Geht man von einem Preisverfall aus, so stellt sich die Bewertungsfrage unter anderen Gesichtspunkten. Festzuhalten ist, dass mehrheitlich bei der Bewertung das Reifenalter im Vordergrund steht. Dazu Krahl: „Der Reifenmarkt wird in Zukunft Preise sehen, die sich zeitweise wie Aktienkurse an der Börse entwickeln. Damit verstärkt sich der spekulative Aspekt. Es werden in der kommenden Saison alle drei Szenarien in unterschiedlicher Ausprägung – je nach Hersteller – eine Rolle spielen, was letztendlich ein Zeichen für den sich weiter verstärkenden Wettbewerb ist.“

Für die kommende Winterreifensaison erwartet der Großhandel einen sprunghaften Anstieg an chinesischen Angeboten. Diese Reifenhersteller sind dabei, ihre Range an Winterreifen zu erweitern, um mit 15 bis 20 Dimensionen 70 bis 80 Prozent des Marktes abzudecken. Diese Marken werden nicht in der Champions League spielen. Aber da wollen sie hin.

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