Hankook Tire setzt bei Wachstum auf Qualität

Ein Investment in Höhe von über 500 Millionen Euro in eine Reifenfabrik ist eine deutliche Aussage zur allgemeinen Zielsetzung eines Unternehmens. Dass Hankook Tire dieses Geld aber nicht in den USA, Korea oder China investiert, sondern eben in Europa, zeigt auch, welchen Stellenwert der Hersteller dem hiesigen Markt beimisst. Dabei wird die Fabrik im ungarischen Dunaujvaros aber nicht nur fehlende Kapazitäten in Nähe bedeutender Absatzmärkte und günstige aber gut ausgebildete Arbeitskräfte liefern. Die Strategie, die hinter dem Fabrikneubau auf der grünen Wiese steht, geht weit darüber hinaus, so Seung Hwa Suh, Hankook-Präsident im europäischen Regionalhauptquartier. Im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG fallen immer wieder drei Stichwörter, die Hankooks Engagement in Europa umschreiben sollen: Qualität/Innovation, Service und Markenbekanntheit.

Dass man bei Hankook Tire große Pläne bezüglich des eigenen Wachstums hegt, ist nichts Neues, betonen Vertreter des koreanischen Unternehmens doch immer wieder, man werde bis 2012 zu den fünf großen Reifenherstellern dieser Welt zählen und eine Marke besitzen, die als Premiummarke geschätzt wird, während die Reifenmarke Hankook heute noch als „Qualitätsmarke“ gelte. Die Entwicklung funktioniere entsprechend einer einfachen Zielsetzung, so Europa-Präsident Seung Hwa Suh, dessen Regionalhauptquartier in Neu-Isenburg bei Frankfurt niedergelassen ist. Derzufolge wolle Hankook einen „langfristigen Markterfolg durch die Lieferung überlegener Produktqualität und in der Branche führender Dienstleistungen für unsere Kunden erzielen“, sagt Suh. Das Stichwort, das bei jeder Frage nach der Wachstumsstrategie fällt, ist Qualität. Es gehe nicht einfach nur um zehn Millionen zusätzliche Reifen, die Hankook Tire künftig (ab 2010) in Ungarn für den europäischen Markt produzieren werde. Es gehe auch darum, kurzfristig lieferfähig zu sein, den Markt intensiv kennen zu lernen und eine Identifikation der Kunden mit den Produkten und des Herstellers mit den Märkten herzustellen.

Aber der Reihe nach: Das Stichwort Lieferfähigkeit stellt bei Hankook Tire derzeit einer der Hinderungsgründe für ein uneingeschränktes Wachstum in Europa dar. Das Unternehmen verfügt derzeit über eigene Produktionskapazitäten in Höhe von rund 63 Millionen Reifen pro Jahr verteilt auf zwei Länder. Der Hersteller betreibt in Korea zwei Fabriken (Daejeon: 23 Mio. Reifen; Geumsan: 15 Mio.) sowie seit 1999 zwei weitere in China (Jiaxing: 15 Mio.; Jiangsu: 10 Mio.). Hankook betreibt zwar gegenwärtig bereits vier europäische Vertriebszentren in Deutschland, Großbritannien, Holland und Frankreich. Dennoch könne man die Lieferfähigkeit nur dann optimieren und Kundenwünsche zeitnah bedienen, wenn die Produktionsstätten nicht am anderen Ende der Welt gelegen sind, betont Hankooks Europa-Präsident. Lieferzeiten würden deutlich verkürzt, was mit einer Steigerung der Liefer- und somit Dienstleistungsqualität gleichgesetzt wird. Gerade mit Blick auf das sprunghafte Saisongeschäft wird die Nähe zu den europäischen Absatzmärkten als notwendige Voraussetzung dafür angesehen, weiter wachsen zu können.

Laut Vize-Präsident Byeong-Jin Lee exportiere man gegenwärtig sogar über zehn Millionen Reifen jährlich nach Europa, um hier die Verpflichtungen aus der Erstausrüstung (neun Automobilhersteller werden derzeit beliefert, darunter Volkswagen, Opel, Ford, etc.) zu erfüllen und die Nachfrage auf den Ersatzmärkten zu stillen. Folglich werden auch künftig Reifen nach Europa exportiert, wenn die neue Fabrik in Ungarn 2010 unter Volllast produziert, allerdings entsprechend weniger. Gleichzeitig hat Hankook Tire künftig aber entsprechende Kapazitäten in Korea und China zur Verfügung, um sich – neben Europa – auch intensiver um ändere Märkte zu kümmern. Russland fällt einem etwa ein, wo Hankook im Mai dieses Jahres eine Vertriebstochter gegründet hat, oder etwa Nordamerika. Das Werk in Ungarn solle aber nicht Entlastung für die bestehenden Fabriken und somit zusätzliche Absatzmöglichkeiten auf den Märkten in Fernost schaffen, wenn dies auch ohne Frage eine willkommene Nebenerscheinung sein dürfte. Das primäre Ziel der 500-Millionen-Euro-Fabrik ist und bleibt Europa und nicht etwa die Funktion als Überdruckventil für die ausgelasteten Produktionsstätten in Asien.

Einen Markt richtig kennen zu lernen hat für Europa-Präsident Seung Hwa Suh einen hohen Stellenwert, wird dies doch als Voraussetzung für den langfristigen Unternehmenserfolg gesehen. Folglich werde man in Ungarn nicht nur verstärkt auf ein Management setzen, das aus vielen Ungarn bestehen soll, auch im Topmanagement. Sondern die europaweite Verankerung des Unternehmens werde durch weitere Vertriebszentren in Schweden, Spanien, Italien, Russland und natürlich in Ungarn genauso steigen, wie durch Hankooks „Masters Programm“, von dem derzeit bereits 1.400 unabhängige Reifenfachhändler in ganz Europa profitieren können. Im Rahmen dieses Händlerprogramms werden ausgewählte Hankook-Partner mit einem umfangreichen Marketingpaket unterstützt und sie werden regelmäßig handwerklich wie auch verkäuferisch geschult. Masters-Partner seien „professionelle Botschafter der Marke Hankook“, so der Europa-Präsident.

Um einen Markt richtig kennen zu lernen und die passenden Produkte parat zu haben, machen F&E-Kapazitäten vor Ort natürlich Sinn. Dazu betreibt Hankook Tire bereits seit 1997 eine Europe Technical Center in Hannover-Langenhagen. Man werde dieses Entwicklungszentrum nicht nach Ungarn verlagern, bestätigt Europa-Präsident Suh, und verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung gerade des deutschen Reifenmarktes für den Hersteller. Derzeit arbeiten in Hannover rund 40 Mitarbeiter an der Entwicklung der neuesten Profile für den Ersatzmarkt wie auch für die Erstausrüstung. Zu den Technologien, an deren Entwicklung die deutsche Einrichtung maßgeblich mitgewirkt hat, gehört etwa Hankooks eigene Runflat-Technologie, die unter der Bezeichnung Hankook Runflat-System, kurz: HRS mit dem Ventus S1evo sowie dem Winterprofil Icebear W300 derzeit auf den europäischen Markt kommt; HRS-Reifen werden ebenfalls in der neuen Fabrik gefertigt. Dennoch werde man auf dem künftigen „Heimatmarkt“ Ungarn eine F&E-Einrichtung sowie ein kleines Testgelände etablieren, die dann eng mit dem Europe Technical Center in Hannover-Langenhagen zusammenarbeiten werde.

Reifenhersteller, die bisher nach Osteuropa expandierten oder gegenwärtig entsprechende Pläne verfolgen, haben dies oftmals durch Akquisitionen getan. Die Übernahme einer bestehenden Fabrik oder eines etablierten Herstellers wäre für 500 Millionen Euro sicher möglich gewesen. Hankooks Europa-Präsident Seung Hwa Suh erkennt die Feststellung zwar als richtig an. Nur genüge diese Vorgehensweise eben nicht den hohen Ansprüchen des Unternehmens an Qualität und Innovationsfähigkeit. Für „eine überlegene und viel wettbewerbsfähigere Qualität“ könne nur mit einer Produktionsstätte garantiert werden, die eben nicht zunächst überkommene Probleme und Ineffizienzen überwinden muss, bevor sie den hohen Ansprüchen der Hankook Tire genügt. Folglich sei alles andere als ein Greenfield-Projekt nie eine Alternative gewesen. „Die Qualität der Reifen ist der wichtigste Faktor überhaupt“, so Suh, und will auch beim Anlagenbau und der Ausrüstung der neuen Fabrik nicht auf das Zweitbeste zurückgreifen. Dass der Automatisierungsgrad der brandneuen Anlage in Dunaujvaros natürlich höher sein wird als etwa in den bestehenden Werken, war zu erwarten. Nur wird die Produktivität der rund 1.500 Arbeiter (2010) teilweise mehr als doppelt so hoch sein wie die der Arbeiter in China; im Vergleich zu den beiden koreanischen Fabriken scheint die neue Ungarn-Fabrik hingegen personalintensiver zu produzieren. Während in Ungarn ab 2010 ein Arbeiter pro Jahr 6.666 Reifen fertigen wird, sind dies etwa in Daejeon 8.073 und im chinesischen Jiangsu nur 3.168 Reifen.

Warum gerade Ungarn und nicht Polen?

Hankooks Offizielle betonen auf die Frage, warum man sich eben für Ungarn als künftigen Standort der ersten und einzigen Fabrik in Europa entschieden hat, dass das Land im Zentrum des Kontinents und vor dort folglich Reifen ohne große zeitliche Verzögerungen überall hin geliefert werden können. Wie aber öffentlich bekannt ist, haben Zuschüsse des ungarisches Staates in Höhe von 20 Prozent der Investitionssumme (wurde von der Europäischen Kommission genehmigt) ebenfalls eine Rolle gespielt. Die Regierung in Budapest habe sich „sehr vernünftig“ verhalten, so der Europa-Präsident. Auch andere osteuropäische Länder gewähren Zuschüsse für entsprechende Investitionen; dass sich ein Unternehmen diese öffentlichen Förderprogramme zunutze macht, ist also keine Vorteilnahme, sondern eine bare Selbstverständlichkeit. Als Hankooks Investitionspläne öffentlich wurden, nannte man auch die Slowakei, Polen oder Tschechien als mögliche Standorte. Die hohe Anzahl gut ausgebildeter Arbeitskräfte in Ungarn sei ein weiterer Grund für die Entscheidung gewesen, in Ungarn zu investieren. Auch die Nähe zum Kia-Werk in der benachbarten Slowakei, wo beim Erstausrüstungskunden seit einigen Wochen Autos gebaut werden (anfängliche Jahreskapazität: 200.000 Einheiten), oder zum neuen Hyundai-Werk in Tschechien (ab 2008; 250.000) haben nicht gegen Ungarn gesprochen.

Wenn in Dunaujvaros 65 Kilometer nördlich von Budapest im kommenden Juni die ersten Reifen entstehen, wird die Fabrik noch eine Produktionskapazität von 1,3 Millionen Pkw- und Llkw-Reifen haben, die von zunächst rund 1.000 Beschäftigten gebaut werden. Im Jahr 2008 soll die Kapazität bereits bei fünf Millionen Einheiten pro Jahr liegen; diese soll bis 2010 dann noch einmal auf zehn Millionen Reifen verdoppelt werden. Diese Bauabschnitte sollen im Dezember 2010 abgeschlossen sein, erläutert Byeong-Jin Lee, Vize-Präsident im europäischen Regionalhauptquartier. Bis dahin werden etwa 70 Prozent der verfügbaren Fläche überbaut sein, so dass die Fabrik in Zukunft noch weiter ausgebaut werden könnte. Dafür gebe es derzeit aber keine konkreten Pläne.

Ausgeschlossen sei ein weiterer Ausbau aber nicht, sagt Europa-Präsident Suh im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG, und verweist auf eine persönliche Überzeugung, die sich bisher immer als wahr herausgestellt hat: „Man verbessert die Qualität – die Quantität wird dann schon folgen; davon sind wir überzeugt!“

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