Startschuss für die nächsten 100 Jahre

Der Michelin-Konzern sieht sich als ein einen wichtigen Beitrag zur Mobilität leistendes Unternehmen und unterstreicht dieses für den deutschen Teilkonzern mit dem Leitsatz „100 Jahre in Bewegung“. Damit das so bleiben kann, haben sich Management und Betriebsrat auf einen „Zukunftspakt Deutschland“ geeinigt, der in weiten Teilen zwar noch vage und relativ unverbindlich geblieben ist, aber den Willen aller zeigt, Arbeitsplätze auch an einem Hochlohnstandort wie Deutschland zu halten. Denn es ist ja nicht der Lohn allein, Deutschland hat mehr zu bieten. Und die Belegschaft „spielt mit“, damit die Konzernspitze wenig Gründe hat, in Deutschland nicht investieren zu wollen.

Michel Rollier, nach dem tragischen Tod seines Cousins Edouard Michelin nun alleiniger Chef des Michelin-Konzerns, war zur 100-Jahr-Feier nach Frankfurt gekommen und hat in seiner Rede vor Belegschaftsmitgliedern und vielen geladenen Kunden seine Zuversicht geäußert, die deutschen Werke wettbewerbsfähig halten zu können. Dass mit dem von den deutschen Statthaltern Jürgen Eitel und Dr. Klaus Neb ausgehandelten „Zukunftspakt Deutschland“ dafür gute Grundlagen geschaffen worden sind, steht außerhalb vernünftigen Zweifels.

100 Jahre ist es her, dass sich die Firma Michelin als Deutsche Michelin Pneumatik Aktiengesellschaft in das Handelsregister des Amtsgerichts Frankfurt am Main eintragen ließ und den „Handel von Waren, insbesondere Kautschukartikeln, Pneumatiks, Radreifen, Räder, Radfelgen, die nach dem Michelinschen Verfahren hergestellt sind“ als Gesellschaftszweck eintragen ließ. Das erklärt, warum die 100-Jahr-Feier auch in Frankfurt stattfand.

Von Frankfurt ging es 20 Jahre nach der Gründung weiter nach Mainz. Erste Außendienstmitarbeiter wurden eingestellt und der Vertrieb in die eigenen Hände genommen, denn bis dahin wickelte sich der Reifenabsatz für ganz Deutschland mit inzwischen knapp 300.000 in Deutschland registrierten Fahrzeugen über einen einzigen Reifenhändler ab.

Bereits wenige Monate später fiel die Entscheidung, in Deutschland zu produzieren. Das damals strukturschwache Karlsruhe erhielt den Zuschlag. In den frühen 30er Jahren wurden 250 Menschen zur Produktion von Michelin-Reifen eingestellt. Die Bedeutung dieser Investition lässt sich bei der Lektüre eines Artikels der „Badischen Presse“ erahnen. Das Blatt begeistert sich daran, dass eine große Zahl erwerbsloser Personen endlich Arbeit gefunden habe „und das städtische Fürsorgeamt eine wesentliche Entlastung erfährt.

Die Wirren der Kriegs- und Nachkriegsjahre, die erst alles in Schutt und Asche warfen und dann zum Wiederaufbau aufforderten, sollen nur gestreift werden. Der 1956 umfirmierten Michelin Reifenwerke AG stand jedenfalls dank Wirtschaftswunder und Automobilisierung ein grandioser Aufstieg bevor.

Michelin heute

Der Michelin-Konzern produziert heute in Karlsruhe, seit 1966 in Bad Kreuznach und bald auch in Homburg, Trier und Bamberg und er übertrumpfte bereits im Jahr 1974 die Umsatzschwelle von einer Milliarde Mark. Heute sind etwa 5.700 Mitarbeiter in der deutschen Organisation tätig.

Die Zukunft gestalten

Anders als Wettbewerber Continental, der dem Standort Deutschland für die Reifenherstellung keine Zukunft mehr einräumt und somit bevorzugt in Billiglohnländer flüchtet, will Michelin seinen Mitarbeitern Überlebensgrundlage und Zukunft bewahren. Dabei wird auf Kundennähe und Innovationen gesetzt sowie auf den bereits erwähnten Zukunftspakt Deutschland. Weitergehende Fortschritte bei Kosten und Produktivität sind nötig, dafür will Michelin aber bis zum Jahr 2010 insgesamt 200 Millionen Euro in Deutschland investieren. Die deutschen Werke gehörten stets in punkto Qualität, Produktivität, Flexibilität und Sicherheit zu den besten der Michelin-Welt und alle Werke sind auch fest in ihrem jeweiligen lokalen Umfeld verankert. Sie sind, wie es in der globalisierten Welt heutzutage heißt, good corporate citizens. Dieser Stand soll beibehalten werden. Zwar seien, wie es intern heißt, in der Vergangenheit bereits einmal „Kostennachteile des Standortes erfolgreich und sozialverträglich korrigiert worden“ und dennoch gehe es nun um einen weiteren Zukunftspakt, mit dessen Hilfe es klare Perspektiven für den Erhalt der Reifenproduktion in Deutschland geben soll. Deutschland-Chef Jürgen Eitel machte klar, dass alle Maßnahmen mit der Konzernspitze fest vereinbart seien und es bereits „grünes Licht“ für die Investitionen gebe; vorausgesetzt der Zukunftspakt kommt tatsächlich zustande. Michelin bemüht sich dabei neben der Verbesserung der Energieeffizienz und Senkung der Energiepreise um die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich.
Danach jedoch sieht es auch aus. Der Betriebsrat hat wohl schon mehr oder weniger sowohl der Geschäftsleitung als auch der Belegschaft signalisiert, dass man sich dem Ansinnen der Einführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich kaum entziehen könne. Doch definitiv abgeschlossen ist noch nichts.

Vereinfacht gesagt geht es um folgendes Angebot der Geschäftsleitung:
– Die einzelnen Produktionsstandorte in Deutschland bleiben erhalten.
– Der Konzern investiert im notwendigen Umfang, damit die Werke auch an der Spitze bleiben können.

Dafür aber muss es zu signifikanten Verbesserungen kommen. Damit auch dank der geplanten Investitionen die Produktivität um 30 Prozent bis zum Jahr 2010 steigen kann, müssen Kosten runter gebracht werden. Die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ist dabei unverzichtbar.

Man kann zweieinhalb Stunden Mehrarbeit pro Woche für Peanuts halten oder sie auch als ganz und gar unverschämte Forderung betrachten. Aber man kann nicht daran vorbei, dass es weltweiten Wettbewerb gibt und auch jedes Werk in Deutschland selbst einen Beitrag dafür zu leisten hat, wettbewerbsfähig im internen wie externen Vergleich zu bleiben. Und dafür hat jede Seite ihren Preis zu zahlen. Es sieht so als, als wäre die Belegschaft, der man nichts weggenommen hat, bereit, diese zweieinhalb Stunden mehr Arbeitszeit pro Woche zu gewährleisten, weil mit dem Erhalt der Werke auch der Erhalt des Arbeitsplatzes einher geht. Mit anderen Worten: Wo wäre eine Alternative?

Wenn der Zukunftspakt Deutschland so relativ problemlos geschlossen werden konnte, so hat das auch mit dem Verhalten anderer Wettbewerber zu tun. Man muss aus Michelin-Sicht Herrn Wennemer von der Conti für dessen Prognose, in 30 Jahren werde es keine Reifenfabriken mehr in Deutschland geben, geradezu dankbar sein, denn die Wettbewerber machen sich daran, das Gegenteil zu beweisen und sie bekommen dafür von der eigenen Belegschaft den notwendigen Rückenwind und die notwendige Unterstützung. Lieber zweieinhalb Stunden mehr arbeiten in der Woche als den Arbeitsplatz an Polen, Russen, Slowaken etc. ganz zu verlieren.

Nach einer 100-jährigen recht wechselvollen Geschichte werden die Karten nun für die Zukunft neu gemischt und es hat den Anschein, dass auch die zweiten 100 Jahre gut gestaltet werden können. Dass man bei Michelin niemals den leichten Weg geht und auf kurzfristige Vorteile sieht, ist ja allerseits bekannt. In der den Jubiläumsgästen vorgetragenen Erkenntnis von Dr. Neb, Micheliner seien halt nicht immer und überall geliebt, aber sie seien dennoch überall respektiert, kommt ja auch ein gewisses Selbstverständnis zum Ausdruck. Und es entspricht auch der Michelin-Kultur, der Belegschaft nicht einfach etwas gewaltsam überstülpen zu wollen, sondern man arbeitet mit den Arbeitnehmervertretern eng zusammen und stellt sich im Übrigen auch der Kritik, aber auch Anregungen aus den eigenen Reihen. So wurden die Mitarbeiter ausdrücklich aufgefordert, sich mit ihren Werksleitern, ihren Vorgesetzten oder auch mit den Direktoren Eitel und Neb direkt in Verbindung zu setzen, ob mit oder ohne Namensnennung, und dann auch eigene Einschätzungen abzugeben und wo immer möglich eigene Vorschläge einzubringen. Wie sieht der Weg in die Zukunft aus? Welchen Beitrag muss das Unternehmen und welchen Beitrag müssen die Mitarbeiter erbringen?

Und wenn der Zukunftspakt Deutschland funktioniert, geht es nicht um Schaffung neuer Arbeitsplätze, sondern bei Vollauslastung der Werke kann die Zahl der Mitarbeiter konstant bleiben und durch Nichtersetzung aus Altersgründen ausscheidender Mitarbeiter können Arbeitsplätze dann ziemlich schmerzfrei abgebaut werden. In den gesättigten westeuropäischen Märkten wird es kaum ausreichendes Wachstum geben, das zu neuen und weiteren Arbeitsplätzen in dieser Branche führt. Michelin macht dennoch alles, was möglich ist und was durchführbar ist. Mit einer verständigen Belegschaft, mit vernünftigen Sozialpartnern sind auch 100 Jahre nach Gründung des Unternehmens vernünftige Maßnahmen möglich und vernünftige Ziele erreichbar.

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