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CGS/Mitas: Internes Wachstum und weitere Übernahmen

Was für den Continental-Konzern ohne jeden strategischen Wert geworden war, stellt für die kleinere und im Privatbesitz stehende tschechische Firma CGS bzw. deren Tochterunternehmen Mitas die Plattform für den Sprung in die Weltspitze als Hersteller von Landwirtschaftsreifen dar. Nach der Übernahme der Division Landwirtschaftsreifen der Continental AG sehen sich die Tschechen in Europa jedenfalls als sichere Nummer 2 hinter dem Weltmarktführer Michelin, aber eben vor Konkurrenten wie Goodyear bzw. Trelleborg.

Wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann steht auch im breiten Feld der Hersteller von Landmaschinenreifen weitere Konsolidierung an. In den USA hat sich Goodyear vor gut einem Jahr bereits aus diesem Bereich herausgezogen und hat ihn an den Spezialisten für Industrie- und Landwirtschaftsreifen Titan International verkauft. Das lädt zu weitergehenden Spekulationen ein und wirft die Frage auf, ob – und falls ja, wann – sich der US-Konzern auch in Europa und ggf. in Lateinamerika als Hersteller von Landwirtschaftsreifen verabschieden wird. Noch hagelt es klare Dementis. Und die Argumente sind auch nicht ganz leicht vom Tisch zu wischen. In Nordamerika steht man erst am Anfang einer Radialisierung und es hätte den ohnehin mit vielen anderen Problemen ringenden Goodyear-Konzern sehr viel Geld gekostet, die erforderlichen Investitionen durchführen zu können. Stattdessen wurde die Verkaufsentscheidung getroffen. In Europa jedoch ist es ein wenig anders. Hierzulande begann die Radialisierung sehr viel früher, ist sehr viel weiter fortgeschritten als in Nordamerika und vor allen Dingen ist Goodyear mit modernen und leistungsfähigen Produkten im Markt, wenngleich nicht verschwiegen werden darf, dass die Marke in den zurückliegenden Jahren immer wieder mit Qualitätseinbrüchen insbesondere bei den großen Schlepperreifen konfrontiert wurde. Davon losgelöst kann man auch nicht die Augen vor einem grundlegenden Wandel im Handelsmarkt verschließen. Über Jahrzehnte meinten Reifenhersteller, so genannte „Vollsortimenter“ sein zu müssen, um als Anbieter für und als Partner des Reifenfachhandels attraktiv genug bleiben zu können. Alles vorbei. Goodyear wäre um keinen Deut unattraktiver für seine Handelspartner, wenn es die Abteilung Landwirtschaftsreifen nicht mehr gäbe.

Pirelli hatte schon weit früher als der Wettbewerber Continental die Konsequenzen aus dieser Entwicklung gezogen und den Geschäftsbereich an Trelleborg in mehreren Schritten verkauft. Was als Jointventure begann, endete als vollständige Übernahme. Inzwischen gibt es zwischen beiden einst befreundeten Unternehmen heftigere Disharmonien, die dazu führen, dass Trelleborg nicht länger die Marke Pirelli nutzen darf, so dass binnen weniger Monate bei gleichbleibenden Profilen und Produktnamen der Schriftzug der Italiener durch den der Schweden ersetzt werden muss. Und selbst auf die Frage, ob die Schweden denn auf Dauer als Hersteller von Landwirtschaftsreifen im Markt bleiben wollen, findet sich keine klare Antwort. Die Wettbewerber verfolgen sehr aufmerksam, was geschieht.

Die beiden Geschäftsführer der CGS Deutschland GmbH mit sitz in Hannover, Werner Flebbe und Thorsten Bublitz, sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Conti-Deal der Tschechen inzwischen als eine wirkliche Erfolgsgeschichte betrachtet werden kann. Landwirtschaftsreifen werden in Prag (vorwiegend diagonale Bauarten), Zlin (Vorderradreifen und Ackerwagenreifen) und Otrokovice (nahezu ausschließlich radiale Bauweise) hergestellt. Eine Produktionsverlagerung in so zu bezeichnende Billiglohnländer muss es somit gar nicht mehr geben. CGS/Mitas verteidigt gegenüber allen anderen Konkurrenten einen Kostenvorteil und gilt als höchst wettbewerbsfähig. Und wo der Wettbewerb noch hinführen wird, erfährt man aus Hintergrundgesprächen mit führenden tschechischen CGS-Managern. Man wird über kurz oder lang weitere Kapazitäten aufbauen, allerdings definitiv nicht in Tschechien. Das Land gilt den Tschechen selbst bereits jetzt als zu teuer, so dass ein Ausweichen Richtung Ukraine oder in Richtung andere frühere GUS-Staaten zu erwarten ist.

Wirklich was zu zeigen gibt es in Otrokovice. Nahezu die gesamte Fachpresse war Ende September nach dort eingeladen. Und das Management zeigte sich durchaus „einsichtig“. Es wurde rein gar nichts versteckt. Die Beobachter durften durch alle Teile der Fabrik laufen, um sich von der Leistungsfähigkeit überzeugen zu lassen. Täglich produzieren etwa 600 Menschen in Otrokovice mehr als 1.000 Reifen. Aus 70 Heizpressen purzeln die Großreifen mit einem Felgendurchmesser ab 24 Zoll heraus, auch der so bezeichnete SuperVolumeTyre (SVT), eine Neuentwicklung, die unter dem Markennamen Continental angeboten wird. Hierbei handelt es sich um ein neues und hochmodernes Produkt für leistungsstarke Traktoren mit mehr als 180 PS und für Erntemaschinen. SuperVolumeTyres sind schlicht Reifen, die ein größeres Volumen als Standardreifen haben und dieses Volumen wird durch eine größere Reifenbreite oder durch kleinere Felgendurchmesser bei gleichem Reifendurchmesser erreicht, so wird es in der offiziellen Firmenbroschüre beschrieben. Aufgrund seines Luftvolumens biete der Reifen hohe Tragfähigkeit bei geringem Druck und somit hervorragende Bodenschonung. Als angenehmer Nebeneffekt ist zu vermerken, dass neben der Schonung des Ackerlandes auch die Fahrer eines SVT-bereiften Fahrzeuges profitieren, weil spezielle Seitenwände Schwingungen dämpfen und hohen Fahrkomfort garantieren. Da SVT-bereifte Traktoren die für die Straße allgemein zulässige Gesamtbreite von drei Metern nicht überschreiten, stellt, so CGS, der SuperVolumeTyre die maximale Lösung in Bezug auf Bodenschonung und Straßentauglichkeit dar.

Mehr als insgesamt 300.000 radiale Schlepperreifen verlassen jährlich die Fabrik in Otrokovice, zwei Drittel davon unter dem Markennamen Continental.
Recht einsilbig allerdings werden Flebbe und auch Bublitz, wenn man nach der Laufzeit der Markenrechte fragt. Wie lange darf CGS/Mitas Reifen mit den Logos von Continental, Barum und Semperit herstellen und weltweit verkaufen? Statt klarer Antworten ist von „langfristigen Verträgen“ die Rede, auch von der Möglichkeit Optionen zu nutzen. Oder sind es doch nur zehn Jahre, wovon in Kürze bald bereits zwei Jahre abgelaufen sind? Wie wichtig diese Frage ist, sieht man an den derzeitigen Schwierigkeiten des Konkurrenten Trelleborg. Es kann ja keinem Zweifel unterzogen werden, dass sich Reifen der Marke Pirelli besser und teurer vermarkten lassen als solche der Marke Trelleborg; auch Landwirtschaftsreifen. Schließlich ist Pirelli sehr früh bereits im Radialbereich führend dabei gewesen.

Und da der Continental-Konzern in den zurückliegenden Jahren und auch zur Zeit viele positive Schlagzeilen produziert, hat das der Marke als solcher auch sehr gut getan. Nicht zu viele Bauern würden sich – derzeit jedenfalls – breitschlagen lassen, ihren Schlepper mit Mitas-Reifen auszurüsten, selbst wenn bewiesen wäre, dass diese mit Continental-Reifen absolut identisch sind.

Aber es gibt auch keinerlei Grund, etwas dramatisieren zu wollen. Den Tschechen bleiben noch genug Jahre, etwas zum Aufbau einer eigenen und starken Marke tun zu können.

Einstweilen aber bleiben sie auf der Hut. Und sie bleiben aufmerksam. Es wird sich nach ihrer Überzeugung, zumindest nach ihrer Hoffnung, noch einiges tun und deshalb bleiben sie „aufnahmebereit“. Sie wollen in dem „Nischenmarkt Landwirtschaftsreifen“ weiter wachsen, in erster Linie von innen heraus, aber sie sind auch zu weiteren Übernahmen bereit, sofern sich Möglichkeiten ergeben.

Das ist CGS

Die Ceská Gumárenská Spolecnost (CGS) mit Sitz in Prag ist die im Privatbesitz befindliche Holdinggesellschaft der in drei unterschiedlichen Geschäftsfeldern tätigen Firmen Mitas (Reifen), Rubena (Technical Rubber) und Buzuluk (Machinery). Am bedeutendsten ist der Reifenbereich mit 71 Prozent Anteil am Gesamtumsatz der CGS, gefolgt von Technischen Gummiartikeln, mit denen 21 Prozent des Umsatzes im Jahr 2005 erzielt wurden. Die verbleibenden acht Prozent entfallen auf Maschinen und sonstiges.

Die Gruppe konnte stark wachsen und ihren Umsatz von 235 Millionen Euro (2002) auf 373 Millionen Euro (2005) steigern, insbesondere weil Mitas die Akquisition der Division Landwirtschaftsreifen der Continental AG zum 1. November 2004 gelang.

Mitas

Der Reifenhersteller Mitas wurde 1933 als Pneumichelin von Michelin in Prag gegründet. Die Fabrik ging nach Beendigung des zweiten Weltkrieges in die Hände neuer Besitzer über, im Jahr 1946 wurde das Unternehmen umbenannt in Mitas (Michelin-Veritas). Heute fertigt Mitas in Prag weiterhin Landwirtschaftsreifen. Die ursprünglich weit außerhalb Prags gebaute Fabrik ist im Laufe der Jahre immer näher an die Stadt herangerückt und hat keine Ausbauflächen mehr zur Verfügung.

In Zlin – in dieser Fabrik werden heute Maschinen und Formen hergestellt – startete die Firma Bat’a die Reifenproduktion. Das Markenzeichen Barum (Bat’a – Rubena – Matador) entstand 1946 und befindet sich heute in den Händen des Continental-Konzerns.

Die dritte – von Continental gepachtete – CGS-Fabrik liegt in Otrokovice, und zwar auf dem dem Continental-Konzern gehörenden Barum-Gelände. Dort werden inzwischen fast ausschließlich nur noch radiale Schlepperreifen hergestellt.

Strategische Orientierung

Mitas konzentriert sich stark auf Marktnischen und Spezialreifen wie Industriereifen, Landwirtschaftsreifen und Motorradreifen, von letzteren nur solche für sportliche Verwendung. In Europa strebt das Unternehmen im Bereich Landwirtschafts- und Industriereifen die Position des Marktführers an. Einerseits will der Reifenhersteller organisch wachsen, hält aber erklärtermaßen auch Ausschau nach sinnvollen Akquisitionsmöglichkeiten.

Die hergestellten Reifen werden unter der Marke Mitas in den Markt gebracht; ferner hält CGS für Landwirtschaftsreifen die Markenrechte Continental, Barum und Semperit und zahlt dafür eine Lizenzgebühr. Die Dauer des im Jahr 2004 abgeschlossenen Lizenzvertrages wird, wie weiter oben bereits ausführlicher erwähnt, als „langfristig“ angegeben, konkrete Zeiten wurden bisher nicht genannt. Insbesondere mit der Marke Continental ist CGS/Mitas in der europäischen Erstausrüstung sehr gut vertreten.
Beschäftigt werden derzeit etwas mehr als 2.000 Menschen.

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