Verschärfte Testbedingungen für Winterreifen?

Bisher ging die NEUE REIFENZEITUNG davon aus, dass die von der ADAC Motorwelt publizierten Reifentestergebnisse auf gemeinsam mit den Partnerverbänden ÖAMTC (Österreich) und TCS (Schweiz) durchgeführten Messungen beruhen, die lediglich in dem einen oder anderen Fall vom jeweiligen Automobilklub leicht anders interpretiert werden, sodass es mitunter zu geringfügig voneinander abweichenden Beurteilungen der Produkte kam. Ein Beitrag in der September-Ausgabe des österreichischen Magazins „Auto & Wirtschaft“ scheint nun allerdings darauf hinzudeuten, dass sich an dem gewohnten Testprozedere etwas geändert hat. Offenbar wurden nämlich die Testbedingungen verschärft. Dies ließ zumindest der langjährige ÖAMTC-Reifentester Willy Matzke gegenüber dem österreichischen Blatt durchblicken. Dies wirft beinahe zwangsläufig die Frage auf, welche Tests damit eigentlich gemeint sein könnten.

„In den letzten 30 Jahren kamen Vorserienprodukte in den Testzyklus und viele Ergebnisse in absoluten Zahlen waren auch sehr gut. Das führte jedoch mehr und mehr zum Argwohn unter den meist unterlegenen Mitbewerbern, weil manche Großkonzerne in speziellen Fabriken eigene Kleinserien für diese Tests vorgesehen haben“, wird Matzke in dem Bericht zitiert. Darüber, dass Vorserien- und Serienprodukte nicht immer identisch sind, würden sich laut dem Magazin zudem regelmäßig „Reifensachverständige in aller Welt“ mokieren. „Tatsächlich“, so werden Aussagen Matzkes wiedergegeben, „haben Nachprüfungen ergeben, dass es zwischen Vor- und Hauptserienproduktion Leistungsunterschiede gibt.“ Daher verwende man bei den Tests jetzt Reifen aus drei verschiedenen Quellen – Vorserie, Hauptserie aus unterschiedlichen Produktionswerken und Ware aus dem Handelsregal – und ermittele daraus dann das Wertungsergebnis.

Dies gilt jedoch anscheinend nur für einen vom ÖAMTC in Eigenregie durchgeführten Winterreifentest. Denn dort – so ergab die Nachfrage der NEUE REIFENZEITUNG beim ADAC – plane man für diesen Winter offenbar etwas Entsprechendes mit einer kleinen Auswahl an 195er-Reifen. Mit diesem Test hat der deutsche Automobilklub aber nichts zu tun, genauso wie es bei dem Mitte des Jahres von den Österreichern veröffentlichten Test von Runflat-Reifen gewesen sei. „Unser ADAC-Reifentest, der jedes Jahr im März und im Oktober in der ADAC Motorwelt veröffentlicht und von unseren europäischen Partnerklubs bzw. den Verbraucherschutzverbänden übernommen wird, kann nicht gemeint sein. Wenn Herr Matzke von ‚Verschärfungen’ im Testprozedere spricht, kann ich nur vermuten, er spricht von den vergangenen und aktuellen ÖAMTC-Tests“, so Thomas Kroher, Redaktion Test & Technik bei der Motorwelt, gegenüber dieser Fachzeitschrift.

Im Testprozedere und bei den Testbedingungen beim ADAC-Reifentest habe sich jedenfalls nichts geändert, wenn man – so Kroher weiter – von der Erweiterung um die Disziplin „Trockenbremsen“ und dem Wegfall der Disziplin „Komfort“ absehe. „Unser Reifentest unterscheidet sich von den Tests unserer Fachzeitungskollegen unter anderem durch den längeren Testzeitraum von einem halben Jahr – vor allem wegen der Disziplin ‚Verschleiß’, die zwar aufwendig ist, einen ‚Schwindelreifen’ aber per se schon in der Regel auffliegen lässt“, ergänzt er. In der Vergangenheit hat der ADAC seinen Aussagen zufolge seine Testreifen ausschließlich im freien Reifenhandel erworben – und zwar an verschiedenen, nicht nachvollziehbar ausgewählten Standorten in ganz Deutschland. Dank der bisherigen Verfahrensweise seien daher bis dato keinerlei Nachprüfungen nötig gewesen.

Und Krohers Worten zufolge erwirbt der ADAC aktuell die zum Test anstehenden Reifen nach wie vor „im Prinzip“ zum weit überwiegenden Teil im Handel. „Doch inzwischen erlauben wir uns, neue Reifen, von denen wir uns eine große Marktbedeutung und damit einen hohen Aufklärungsbedarf unserer Mitglieder erwarten, schon vorzeitig aus der laufenden Produktion der Reifenhersteller per Losentscheidung zu ziehen“, erklärt Kroher. Es handele sich dabei allerdings nur um sehr wenige Reifen. „Nicht mehr als ein, zwei Reifen pro Test. Und unsere Regularien sehen dann zwingend vor, dass diese Reifen vor der Veröffentlichung mit aktuellen Handelsreifen verglichen und bauartbezogen nachgetestet werden. Die Nachprüfungen zum Beispiel in diesem Jahr ergaben keine Unterschiede. Es waren aber auch keine Vorserienreifen zu prüfen, sondern aus der Produktion gezogene Serienreifen“, sagt er.

„Die vom ÖAMTC durchgeführten aktuellen Reifentests passierten in Eigenregie und betreffen Produkte, die der ADAC nicht getestet hat. Es sind neueste Produkte von Semperit, Goodyear, Nokian und eine neue Version von Pirelli sowie der aktuelle Stand von Bridgestone. Die Ergebnisse werden am 28. September bekannt gegeben“, bringt denn auch Willy Matzke auf Nachfrage dieser Fachzeitschrift etwas mehr Licht in die Angelegenheit und verweist gleichzeitig auf die lange Tradition des österreichischen Automobilklubs in Sachen Winterreifentests. „Der ÖAMTC hat die ersten Winterreifentests vor mehr als 35 Jahren gemacht, der ADAC kam später nach“, wie er sagt. Die Tests werden seinen Angaben zufolge im Alpenraum und in Skandinavien durchgeführt und dann mit „echten Produkten aus den Regalen“ im Sommer in Neuseeland überprüft. Mit diesen drei Durchgängen von Messfahrten auf unterschiedlichen Arten von Schnee wolle man sicherstellen, dass sich die in Österreich veröffentlichten Ergebnisse auf absolute Serienprodukte beziehen.

Bei den Tests des ÖAMTC wird demnach wesentlich mehr Wert auf echtes Bergfahren im Winter gelegt. „Die Testmethode dazu hat mein Kollege D.I. Eppel – vormals Leiter des Semperit-Prüfzentrums in Österreich – entwickelt“, erklärt Matzke. Sie ermögliche sehr genaue Aussagen über Traktion und Seitenführung auf verschiedenen Steigungen und Kurvenradien. „Eben wie in der Praxis“, fügt er hinzu, ohne nähere Details zu der Prüfmethode veröffentlicht sehen zu wollen, da laufend daran weitergefeilt wird. Und auch bezüglich der Frage, in konkret wie vielen Fällen der Automobilklub denn tatsächlich Unterschiede zwischen nominell gleichen Reifen aus unterschiedlichen Quellen festgestellt hat, gibt sich Matzke zugeknöpft. „Jedenfalls überprüfen wir auch laufend stichprobenweise die verkauften Reifen in der Saison, weshalb Österreich sicher stets mit den besten Produkten versorgt wird“, ist er überzeugt. Und darauf dürfte es – wenn auch sicherlich nicht nur ausschließlich in der Alpenrepublik – den Verbrauchern schließlich ankommen.

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