Analyst: „Die Kosten müssen runter“

Die amerikanische Reifenindustrie leidet, und zwar unter den Billigimporten aus China. In den Jahren 2000 bis 2005 fiel die Pkw-Reifenproduktion in den USA von damals 223 Millionen Einheiten jährlich auf 176 Millionen. Diesem Rückgang in Höhe von 21 Prozent steht ein deutliches Wachstum der Importe entgegen, die im vergangenen Jahr erstmals die 100-Millionen-Grenze überschritten und im Vergleich zu 2000 um 38 Prozent anstiegen. Allein die chinesischen Importe stiegen innerhalb eines Jahres um 47 Prozent an. Dieser Trend wird sich fortsetzen, so dass Saul Ludwig, Analyst der KeyBanc Capital Markets mit Sitz in Cleveland (Ohio/USA), von weiteren Werksschließungen in Nordamerika ausgeht: „Mit Sicherheit eine, vielleicht zwei.“

Die Gründe sind in Nordamerika dieselben wie hierzulande. Die Verbraucher – wie die Industrie von steigenden Energiekosten geplagt – wollen weniger für einen Reifen ausgeben und die Hersteller können bei den Produktionskosten – insbesondere was niedrigpreisige Massenware betrifft – nicht mit den Chinesen mithalten. Pkw-Reifen, die aus China in die USA exportiert wurden, kosten dort im Durchschnitt 25,23 US-Dollar. Ein Pkw-Reifen, der aus Kanada stammt sogar schon 38,67 Doller, einer aus Südkorea immerhin noch 37,58 Dollar und ein aus Japan stammender Pkw-Reifen kostet in den USA im Durchschnitt 48,29 Dollar, also beinahe doppelt so viel wie ein Reifen, der auf der anderen Seite das Japanischen Meeres in China gefertigt wird.

Einer der größten Vorteile, den die chinesischen Reifenhersteller im Wettbewerb mit amerikanischen, europäischen oder japanischen Herstellern geltend machen können, ist und bleibt das Lohnniveau im Land. Ein Arbeitgeber in der amerikanischen Reifenindustrie muss im Schnitt 22 Dollar pro Arbeitsstunde kalkulieren und auf den Verkaufspreis umlegen, während ein in China operierendes Unternehmen mit 73 US-Cents pro Arbeitsstunde rechnet. Das Lohnniveau in den USA ist demnach 30 Mal höher als in China.

Als eine der Möglichkeiten, die lokale Reifenindustrie nicht völlig zu verlieren, sieht die Gewerkschaft United Steelworkers of America (USW) die Umstellung der Produktionsstätten von Standardprodukten auf hochwertigere Reifen wie etwa SUV-, High-Performance- und Ultra-High-Performance-Reifen. Dies soll durch Investitionen in neue Technologien flankiert werden, worin die Gewerkschaft eine zusätzliche Absicherung der in den USA verbleibenden Arbeitsplätze sieht. Es geht also um hochwertige Produkte und Automatisierung (Effizienzsteigerungen). Ebenfalls versuchen die Hersteller in den Vereinigten Staaten ihr Programm an Eigenmarken auszubauen. Diese Produkte – teilweise selber im billigen Ausland hergestellt – finden beim Verbraucher derzeit starken Anklang.

Analyst Saul Ludwig ist sich jedenfalls bei einer Sache sicher: „Die Lücke muss geschlossen werden. Entweder gehen deren Kosten rauf, oder unsere Kosten gehen runter.“ Es darf allerdings bezweifelt werden, dass – trotz der hohen Geschwindigkeit der Industrialisierung der chinesischen Reifenindustrie – westliche Hersteller genügend Zeit haben, um die Probleme in der Zwischenzeit einfach auszusitzen.

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