Josef Kurz: „Mein Geschäft war immer der Export“

Im Vergleich zum Gründungsjahr des Unternehmens 1955 hat sich am Geschäftsmodell eigentlich kaum etwas geändert, so Josef Kurz. Damals wie heute „gehört meine Liebe den Gebrauchtreifen und dem Karkassengeschäft“, so der Firmengründer im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG. Was damals kurz nach dem zweiten Weltkrieg bittere Notwendigkeit war, hat sich während der vergangenen fünf Jahrzehnte zu einem weltweiten und wohl auch lukrativen Geschäft für die Kurz Reifenhandelsgesellschaft mbH (RHG) entwickelt. Die Kurz RHG hat somit eine Nische für sich entdeckt, in der nicht nur die Familie ein Auskommen und Befriedigung findet, sondern auch die rund 20 Mitarbeiter.

Die Kurz RHG mit Sitz in Riedstadt-Goddelau südlich von Frankfurt ist zwar auch im Handel mit Neureifen aktiv und setzt hier nach eigener Aussage jährlich eine Anzahl im sechsstelligen Bereich ab, von denen aber kaum welche an deutsche Reifenhändler gehen. Dennoch steht der Handel mit Karkassen für die Pkw- und Lkw-Reifenrunderneuerung sowie insbesondere der Handel mit Gebrauchtreifen im Vordergrund der geschäftlichen Aktivitäten des Familienunternehmens. Bereits zur Gründung des Unternehmens Mitte der 1950er Jahre – damals noch gemeinsam mit Bruder Karl Kurz (der Bruder betreibt heute noch die Kurz Karkassenhandel GmbH; vor zwei Jahren hatte er sein zweites Unternehmen, die Reifen Kurz GmbH, verkauft) – wurde ausschließlich mit Karkassen und Gebrauchtreifen gehandelt. Einer der Gründe: Neureifen waren damals nur gegen Bezugsschein zu haben. Dies änderte sich dann aber wenige Jahre nach Firmengründung, und somit begann auch für Josef Kurz das Geschäft mit Neureifen.

Im Laufe der Jahre entstand sogar ein eigenes Netzwerk an Servicebetrieben, das der Handel mit Neureifen mit sich brachte. Diese Niederlassungen stieß Josef Kurz dann allerdings später ab, nachdem die branchenweite Durchsetzung des Stahlgürtelreifens ab Ende der 1970er Jahre das Hofgeschäft veränderte. Die Reifen hatten auf einmal die doppelte Laufleistung – die Absätze brachen weg. Für den Firmengründer und dessen Ehefrau Marlene war die Entscheidung unausweichlich, sich vom Neureifengeschäft weitest gehend zu verabschieden. Wie bereits erwähnt, setzt die Kurz RHG ihre Neureifen kaum über den deutschen Reifenhandel ab (60 % werden sogar außerhalb Europas verkauft), sondern nutzt dazu die anderen Geschäftskontakte, die man im Laufe der Jahre zu Karkassen- und Gebrauchtreifenkunden in Osteuropa, Afrika und Südamerika aufgebaut hat.

1986 zog das Unternehmen dann aus Gernsheim ins benachbarte Riedstadt-Goddelau, wo man eine große Krupp-Immobilie übernehmen konnte. Von den 140.000 m² behielt man 50.000 m², die verbleibende Fläche ging an die Kommune. Interessanterweise besitzt die Familie Kurz immer noch die nahe gelegenen, ehemaligen Verwaltungs- und Kantinengebäude des Stahlkonzerns. In der ehemaligen Kantine wird heute ein Pflegeheim betrieben, im Verwaltungsgebäude ein Best-Western-Hotel.

Am neuen Standort in Riedstadt-Goddelau jedenfalls boten und bieten sich alle Voraussetzungen, um das eigene Handelsgeschäft optimal zu betreiben. Es gibt Autobahnen im Überfluss, die ab Frankfurt in alle Himmelsrichtungen führen; der nächste Binnenhafen am Rhein liegt nur zehn Kilometer entfernt; und die Kurz RHG hat auf dem Betriebsgelände sogar einen eigenen Bahnanschluss, der noch aus alten Krupp-Zeiten stammt, als am Standort noch Schiffskörper für Uboote gefertigt hatte. Während früher regelmäßig Ware per Bahn angeliefert und versandt wurde – aus diesen Zeiten stammt auch noch die eigene Diesellokomotive –, biete die Deutsche Bahn dem Reifenhändler heute in punkto Logistik kaum mehr etwas. Die Bahn sei einfach zu teuer geworden und sei darüber hinaus zu unflexibel, so Josef Kurz weiter. Für einen 40-Fuß-Container fielen mehr als das Dreifache an Kosten im Vergleich zum Straßentransport an, ergänzt Oliver Kurz, der zusammen mit seinem Vater das Geschäft leitet. Man würde gerne mehr mit der Bahn transportieren, Wirtschaftlichkeitsüberlegungen sprächen aber dagegen.

Neben Neureifen handelt die Kurz RHG also mit Karkassen und Gebrauchtreifen, die man – wie Vater und Sohn betonen – nicht als Abfall sondern als nützliche und meist noch hochwertige Ware sieht. Reifen, die im Hofeinkauf vorwiegend von deutschen Händlern angeliefert werden, werden bei Kurz natürlich auf ihre Qualität überprüft. Dazu gehört neben einer visuellen Überprüfung auch der Test unter Druck. Auch unterscheide man bei der Qualität der Gebrauchtreifen und Karkassen, was über den Wiederverkaufspreis entscheidet, nach Importreifen und Produkten etablierter westlicher Hersteller. Dabei schließt das Unternehmen kaum ein Produktsegment aus: Pkw-, Lkw-, EM-, Industrie- und sogar Flugzeugreifen werden gehandelt. Motorradreifen findet man bei Kurz in den Hallen und auf dem riesigen Freigelände zwar auch, aber eher selten. Die Unternehmensphilosophie sei stets gewesen, so Josef Kurz: „Wir beliefern alle Länder mit allen Reifen.“ Innerhalb Deutschlands würden jährlich etwa 20.000 Karkassen an namhafte Runderneuerer wie Reifen-Ihle, Hämmerling oder zahlreiche Bandag-Lizenznehmer verkauft. Weltweit werde allerdings pro Jahr eine sechsstellige Anzahl an Karkassen vertrieben, so Josef Kurz, der keine genauen Zahlen nennen möchte. Den größten Volumenanteil am Absatz macht die Kurz RHG allerdings immer noch mit Gebrauchtreifen, die wohl auf beinahe jeden Kontinent versandt werden. Der Absatz hier sei „ein Mehrfaches“ dessen, was bei Neureifen und Karkassen jährlich von Kurz abgesetzt wird.

Der 73-jährige Josef Kurz wie auch dessen Sohn Oliver bekennen sich beide zum Handel mit Karkassen und Gebrauchtreifen. Dort seien „höhere Margen möglich“, weiß der 41-jährige Geschäftsführer und fügt hinzu: „Wir sind sehr zufrieden.“ Dass das Traditionsunternehmen aber auch innerhalb der Branche auf bessere Margen zählen kann als Wettbewerber, führt der Seniorchef auf die Qualität der gelieferten Karkassen und Gebrauchtreifen zurück. Gerade bei Gebrauchtreifen sei es wichtig, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen, die oftmals aus unterentwickelten Ländern stammen und somit über ein vergleichsweise geringes Nettoeinkommen verfügen. Vom Einkauf bis zum Wiederverkauf im Zielland komme es regelmäßig vor, dass sich der Preis durch Fracht, Zölle, Steuern, Aufschläge von Zwischenhändlern, etc. verzehnfacht und somit der Abnehmer mehrere Monatsgehälter für einen Satz Gebrauchtreifen hinblättern muss. Wenn da die Qualität nicht stimmt, verliere man schnell einen Handelspartner. Die intensive Qualitätskontrolle der eingehenden Reifen zahle sich also aus: „Wir legen viel Wert auf Qualität und können daher auch höhere Preise nehmen“, so Josef Kurz.

Was für die verkauften Produkte gilt, gilt auch für die Zielmärkte. Man will sich nicht allzu sehr konzentrieren, was die Abhängigkeit von einzelnen Kunden, Marktsegmenten und Produkten betrifft. Die Kurz Reifenhandelsgesellschaft betreibt neben dem Firmensitz in Hessen noch zwei Filialen. Die eine ist in Bolivien ansässig und betreut den südamerikanischen Markt. Die andere sitzt in Kamerun, von wo aus der afrikanische Markt betreut wird. Frühe hatte man sogar eine eigene Niederlassung in den Vereinigten Staaten, ergänzt Marlene Kurz, hinter deren Schreibtisch eine Weltkarte in Wandtapeten-Format hängt. Man sei in Westeuropa sesshaft, mache aber Geschäfte mit der Welt.

„Mein Geschäft war immer der Export“, betont Josef Kurz seine unternehmerische Philosophie. Außerdem erlaube das intensive Exportgeschäft es einem auch, „das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden“. Der 73-Jährige hat während der vergangenen 50 Jahre schon so manchen Flughafen und so manches exotische Reiseziel kennen gelernt. Juniorchef Oliver Kurz bestätigt dies, sagt aber auch, dass man eben nicht alles machen könne. Man könne sich nicht auf den Export konzentrieren und gleichzeitig auch auf das Inlandsgeschäft. Die Komplexität, die das eigene Geschäft mit sich bringt, reiche bereits aus.

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