Ouro Verde Bahia

Michelins Unternehmenskultur ist geprägt durch Respekt vor den Kunden, den Menschen, den Aktionären, der Umwelt und Respekt vor den Fakten. In der mehr als 100-seitigen „Michelin-Charta – Leistung und Verantwortung“ wird beschrieben und mit Beispielen belegt, was darunter zu verstehen ist. Ein geradezu glänzendes Beispiel bildet das Projekt „Ouro Verde Bahia“ – das grüne Gold von Bahia. Michelin hatte einige europäische Journalisten in den Norden Brasiliens, nach Bahia, eingeladen, um das Projekt vorzustellen. Dieses ist deshalb besonders wertvoll, weil es eben nicht um unglaublich viel Geld geht, sondern um Engagements auf allen Ebenen und Einbeziehung vieler Menschen innerhalb des Konzerns, die damit eine Chance nutzen können, selbst Verantwortung tragen und Leistungen erbringen zu können.

In sechs Michelin-eigenen Kautschukplantagen, zwei in Brasilien und vier weiteren in Nigeria, produziert der Konzern drei Prozent seines Naturkautschukbedarfs. Die 200 Kilometer südlich von Salvador gelegene Plantage verfügt über eine Fläche von 9.000 Hektar und produziert jährlich 700 Tonnen Kautschuk. Von örtlichen Produzenten werden zudem weitere 8.000 Tonnen Latex bezogen.

Die Michelin-Plantage in Bahia war in der Vergangenheit trotz größter Anstrengungen nicht rentabel zu führen. Wegen der zerklüfteten Landschaft und der kleinteiligen Parzellenstruktur ist eine Bewirtschaftung durch Betriebe mittlerer Größe weitaus sinnvoller als durch Großbetriebe. Die Monokultur, das alleinige Setzen und Ernten von Kautschukpflanzen und Latex, stellte sich zudem als gravierender Nachteil dar, zumal die Bodenverhältnisse sich geradezu für eine Mischkultur anbieten. Doch als Bananen- und Kakao-Farmer verstehen sich Reifenhersteller nun mal nicht. Es lag damit auf der Hand, sich von dieser Plantage zu trennen.

Der einfache Weg hätte darin bestanden, die Plantage zu verkaufen, notfalls zu verschenken und danach die Hände in Unschuld zu waschen angesichts des Elends, das zwingend über die zurückgelassenen Menschen hereingebrochen wäre. Doch genau dies kam nicht in Frage, wie Edouard Michelin erläuterte: „Anstatt zu verkaufen, haben wir umgedacht. Unsere Mitarbeiter auf dieser Plantage haben ihre Loyalität Michelin gegenüber immer wieder unter Beweis gestellt. Es war undenkbar, uns von ihnen zu trennen, ohne gemeinsam über Alternativen zu einem Verkauf nachzudenken.“

Als Ergebnis aller Überlegungen entstand das Projekt Ouro Verde Bahia.

Michelin teilte bisher 400 Hektar der großen Plantage in zwölf Teile auf und überließ zwölf ehemaligen Mitarbeitern – die für fähig befunden wurden, die erforderlichen unternehmerischen Leistungen auch erbringen zu können – das Land zu Sonderkonditionen. Der Verkauf wurde mit Hilfe von Michelin finanziert, der Konzern haftete im Grunde für die Darlehen und die Zinsen, welche sich die neuen Farmer verschafften. Die Farmer ihrerseits gründeten eine Kooperative, der nun 23 Mitglieder angehören. Die Zahl erklärt sich daraus, dass alle neuen Farmer gemeinsam mit ihren Ehefrauen die Kooperative gründeten und einer der neuen Kollegen bis jetzt unverheiratet ist.

So ganz ins eiskalte Wasser wurden die neuen Herren aber nicht geworfen. Abgesehen von der sicheren Finanzierung garantiert Michelin die vollständige Abnahme des Kautschuks. Die Farmer können an Michelin verkaufen, sie müssen es aber nicht. So gehört zum Beispiel inzwischen auch der Continental-Konzern, der gerade erst eine Fabrik in Salvador/Bahia eröffnete, zu den Kunden.

Ohne alle finanziellen Transaktionen näher beschreiben zu wollen, kann man sich darauf zurückziehen, dass Michelin diese Seite des Geschäftes absolut „passend“ gemacht hat. Es geht auch nicht um großartige Millionenbeträge, sondern es geht um Beträge, die von den neuen Plantagenbesitzern im Verlauf der Jahre auch verdient und zurückgezahlt werden können. Bisher, das Projekt startete 2003, läuft auch tatsächlich alles nach Plan.

Naturkautschuk wird aus Latex des Kautschukbaumes, besser bekannt auch unter dem Namen Hevea brasiliensis, gewonnen und zwar lange Zeit ausschließlich in Brasilien und Teilen Südamerikas, bis es dann Engländern gelang, Pflanzen außer Landes zu schmuggeln und allmählich Plantagen in Asien zu errichten. Doch nicht dieser Schmuggel, sondern ein Parasit brachte Brasilien gegenüber Asien weit ins Hintertreffen: Der Microcyclus ulei. Hierbei handelt es sich um einen die Bäume zerstörenden Pilzbefall, der nur in Südamerika vorkommt und der Asien bisher verschont hat. Fachleute sind sich aber einig, dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis dieser Parasit auch auf Asien überspringt und die Versorgung mit Naturkautschuk dann gefährdet und nahezu unmöglich macht. Die größten Lieferanten sind derzeit Thailand, Indonesien, Malaysia, Indien und China.

In wirtschaftlicher Hinsicht war und ist die brasilianische Kautschukplantage für Michelin ohne größere Bedeutung. Aber ein Festhalten daran, das heißt ein Ringen darum, dass die Plantage im wahrsten Sinne des Wortes aufblühen kann, ist von sehr großer wirtschaftlicher Bedeutung für die gesamte Region Bahia, die Arbeitslosigkeit bestens kennt und von größerer Hoffnungslosigkeit ohnehin gekennzeichnet ist. Dass diese Arbeitsplätze gerettet werden konnten, ist schon alle Bemühungen wert gewesen, aber man kann durchaus davon ausgehen, dass der geplante Wandel von einer Mono- auf eine Mischkultur auch weitere Arbeitsplätze schaffen wird. Diese von Anbeginn an geäußerten Hoffnungen haben sich auch bereits erfüllt, das Projekt läuft als „Jobmaschine“ durchaus in die richtige Richtung.

Ferner geht es auch noch um rund 1.500 Hektar atlantischen Regenwaldes, der zu den am stärksten gefährdeten und auch artenreichsten Wald-Ökosystemen gehört.

Und last, but not least geht es auch um die Erforschung des Pilzes Microcyclus ulei, bei der in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte zu verzeichnen waren.

Aus allem wurde somit, sehr üblich für Michelin, ein wirkliches Projekt mit sehr klar gesteckten Zielen.

Zunächst kann man davon ausgehen, dass die zwölf auserkorenen Plantagenbesitzer handverlesen waren, denn man braucht einfach Partner, auf die man sich absolut verlassen kann. Für Michelin wäre völlig inakzeptabel, wollten sich diese neuen Farmer etwa auf dem Rücken der Ärmsten ungerechtfertigt bereichern. Somit gibt es klare Regeln. Kinderarbeit ist nicht allein verpönt, sondern sie ist strikt verboten. Es gibt Mindestlöhne, so in etwa 150 Euro monatlich, unvorstellbar wenig für unsere Verhältnisse und doch weitaus mehr als landes- und regionsüblich bezahlt werden.

Damit die Schaffung weiterer Arbeitsplätze auch funktioniert, wurden die Farmer zum Anbau von Kakao und Bananen verpflichtet mit der Folge, dass in wenigen Monaten allein 200 Arbeitsplätze mehr geschaffen werden konnten. Die Michelin-Forschungs- und -Entwicklungsabteilung versorgt die Plantagen kostenlos mit Setzlingen für widerstandsfähigere und leistungsfähigere Kautschukbaumsorten.

Ein neues Dorf ist im Aufbau, das den Latex-Zapfern und deren Familien eine neue Lebensqualität geben soll. Die Baumaßnahmen wurden und werden zusammen mit Banken des Brasilianischen Bundes durchgeführt. Diese sehr einfachen Häuser können von den Zapfern für etwa 6.000 US-Dollar gekauft werden. An der Entwicklung waren viele Menschen aus dem Michelin-Konzern beteiligt und dass eine Infrastruktur mit modernerer Wasseraufbereitungsanlage, mit Schulen und medizinischen Versorgungseinrichtungen entstanden ist, wäre ohne die Einbindung vieler Belegschaftsmitglieder des Michelin-Konzerns nicht denkbar.

Nicht allein die Menschen auf der Plantage selber profitieren, sondern auch deren Umgebung, denn neben Schulen und medizinischen Versorgungseinrichtungen sind weitere für eine funktionierende Infrastruktrur wesentliche Voraussetzungen – so Fernmeldesysteme, Kläranlagen etc. – Wirklichkeit geworden.

Es geht somit um eine Hand voll Menschen, die ein gedankenloser Konzern hätte im Stich lassen können. Andere hätten sich darauf berufen, auch gravierende Einschnitte gezwungenermaßen vornehmen zu müssen. Aber es geht um mehr.

Das Projekt Ouro Verde Bahia zeigt Möglichkeiten auf. Es geht zunächst um ein Konzernmanagement, das einen Sinn für Verantwortung hat, eine Unternehmenskultur, die auf Verantwortung basiert und es beweist die Richtigkeit der These von François Michelin: „Es gibt keine kleine Verantwortung. Jeder – auf seinem Niveau – trägt die volle Verantwortung für sein Tun – gegenüber den Menschen und gegenüber den Aktionären.“ Und die von Edouard Michelin angetriebene Initiative „Leistung und Verantwortung“ beweist, dass es um mehr als leere Worte geht.

Bei Michelin geht es um den Menschen, den Kunden, den Mitarbeiter. Viele dieser Mitarbeiter sind ehrenamtlich eingebunden. Deutsche sorgen dafür, dass die neuen Häuser der Latex-Zapfer Elektrizität haben werden.

Das Großartige an Ouro Verde ist die Tatsache, dass es bei diesem Projekt „nur“ um rund 500 Menschen geht, arme Menschen, dass es nur um wenige Millionen Euro geht, die aufzubringen sind, etwas sehr Sinnvolles auch umsetzen zu können und dass es um ein Projekt geht, dessen Umsetzung allen, die von Michelin etwas fordern oder erwarten können, am Herzen liegen muss.

Es geht um Respekt vor den Menschen. Der eine fährt sehr schnell Autos, der andere tritt geradeaus perfekt vor einen Ball. Das wird bewundert, ist auch okay so.

Dann gibt es Menschen, die „nur“ einen Kautschukbaum so richtig und so geschickt anritzen können, dass Latex aus ihm herausfließt. Diese Menschen können etwas, was die meisten unserer Leser jedenfalls nicht so gut können.

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