Entwickelt sich Hankook vom Jäger zum Gejagten?

Der Hersteller Hankook Tire arbeitet seit Jahren an der Erfüllung einer Vision. Das südkoreanische Unternehmen will in die Liga der ersten fünf Reifenhersteller aufsteigen. Erst jüngst machte Hankook wieder auf vielerlei Art von sich reden: In Ungarn werden derzeit 500 Millionen Euro in die Errichtung einer neuen Pkw-Reifenfabrik investiert; neuerdings liefert der Hersteller auch für den Volkswagen Golf ans Band; das Entwicklungszentrum in Hannover sowie die deutsche Vertriebsgesellschaft werden personell weiter aufgestockt; und demnächst kommt der erste Runflatreifen auf den Markt. Der koreanische Hersteller sieht sich heute mehr denn je in Schlagnähe zu den großen dieser Branche und hofft, seine Visionen bald in die Tat umsetzen zu können.

Dass Hankook Tire irgendwann einmal unter den großen zehn der Reifenindustrie gelistet wird, konnte sich zu Beginn der 1990er Jahre sicherlich kaum jemand vorstellen. Doch seither hat sich in Seoul sowie in Europa einiges entwickelt. Den größten Einfluss auf die Konzernentwicklung wird demnächst die neue Reifenfabrik in Ungarn haben, die mit einer Jahreskapazität von rund zehn Millionen Einheiten (ab 2010) die Kapazitäten auf dann 70 Millionen Einheiten ausweitet; die ersten Reifen werden 2007 die Fabrik verlassen. Wie Dietmar Olbrich im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG erläutert, werde Hankook in Europa dann in der Lage sein, allen Aufträgen aus der Erstausrüstung nachkommen zu können. Der Direktor Vertrieb und Marketing der Hankook Reifen Deutschland GmbH in Neu-Isenburg südlich von Frankfurt erklärt die Unternehmenspolitik als derzeit von der Erstausrüstung geführt. Insbesondere in Europa hat der koreanische Hersteller in der jüngsten Vergangenheit durch spektakuläre Aufträge aus der Automobilindustrie von sich reden gemacht. Zu den ausgestatteten Fahrzeugen gehören Volumenmodelle der Hersteller Ford, Audi, Renault Opel oder Volkswagen. Erst jüngst gab der Konzern bekannt, künftig jährlich 440.000 Reifen für den neuen Golf V ans Band zu liefern.

Wenn in Ungarn die neue Fabrik ans Netz geht und im kommenden Jahr ihre ersten Reifen produziert, dann sollen die west- und osteuropäischen Ersatzmärkte stärker im Vordergrund stehen. Dort sehe man sich zwar bereits heute gut aufgestellt, so der Vertriebs- und Marketingdirektor. Allerdings sehe man hier zunächst einmal Entwicklungspotenzial. Gleichzeitig werden dann auch Anfragen aus der Automobilindustrie bedient, betont Olbrich. Früher musste der koreanische Hersteller bei der Automobilindustrie anklopfen, heute könnten in Europa nicht einmal alle Aufträge bedient werden, da die Kapazitäten aufseiten der Produktion wie auch der Forschung & Entwicklung fehlten. Heute klopfe die Automobilindustrie bei Hankook an.

Dass sich Hankook Tire künftig mehr um die europäischen Ersatzmärkte kümmern wolle, bedeute nicht gleichzeitig, dass das Engagement in der Erstausrüstung zurückgehe. Man habe vor Jahren eine grundsätzliche strategische Entscheidung getroffen, daran werde man festhalten: „Wir sind da enspannt und zufrieden.“ Durch die Erstausrüstung entstünden gute Möglichkeiten, eine Marke auf einem Markt einzuführen und zu etablieren, so Olbrich. „Unsere Marke hat davon schon profitiert“, so der Vertriebs- und Marketingdirektor, der vor zehn Jahren zum koreanischen Hersteller kam, selbst wenn sich dieses Engagement nicht immer ertragsseitig allzu positiv ausgewirkt hat. Darin müsse man aber ein „Investment in die Marke“ sehen, mit der man gleichzeitig seine eigene Technologiekompetenz nachweise. Hankook Tire will aber „so breit wie möglich aufgestellt sein“, was ein künftig stärkeres Engagement auf den europäischen Ersatzmärkten bedeute.

Zu diesem breit gefächerten Programm gehört natürlich ebenso ein Engagement im Tuning und im Motorsport. Gemeinsam mit Tuning- und Technologiepartner Hamann etwa hat Hankook im vergangenen Jahr einen 30-Zoll-Reifen entwickelt, der auf der Essener Motor-Show gezeigt wurde. Es sei nicht so, dass in diesem Segment die großen Absatzzahlen gemacht werden. Dies sei nur im angestrebten Massentuninggeschäft möglich. Aber man zeige „Technologie, die man beherrscht“, wozu seit einigen Jahren auch ein „wettbewerbsfähiges Breitreifenprogramm“ zählt, so Olbrich. Zu dieser Technologie gehört seit neuestem auch die Hankook-eigene Runflat-Technologie, die unter der Bezeichnung HRS (Hankook Runflat-System) mit dem Ventus S1evo im kommenden Jahr auf den hiesigen Markt kommt. Bevor der Sommerreifen auf den Markt kommt, wird das Winterprofil Icebear W300 bereits zum Herbst mit Notlaufeigenschaften auf den Markt kommen.

Dass Hankook Reifentechnologie offensichtlich beherrscht, zeigt sich auch bei aktuellen Reifentests. So erhielten in diesem Frühjahr etwa der Ventus Prime K105 (195/65 R15 H), der Ventus S1evo (ohne Notlaufeigenschaften; 235/35 ZR19) und der Optimo K415 (185/60 R14 H) herausragende Testergebnisse in verschiedenen Zeitschriften. Aber auch der „World Excellence Award“ vom Erstausrüstungskunden Ford sei Beleg für das bisher Erreichte.

Dass Hankook diese Technologiekompetenz besitzt und weiter ausbaut, weist der Hersteller seit 1997 mit der Existenz seines Europe Technical Centers in Hannover-Langenhagen nach. Dort arbeiten derzeit rund 40 Mitarbeiter an der Entwicklung der neuesten Profile für den Ersatzmarkt und die Erstausrüstung. Die Entstehung des neuen Werkes bedeute nicht, dass das deutsche F&E-Zentrum demnächst nach Ungarn verlagert wird, so Olbrich. Im Gegenteil: Der Konzern stelle sogar weitere Ingenieure und Mitarbeiter in Hannover ein, um die Ziele beim Ausbau der Ersatzmärkte sowie der Lieferungen in die Erstausrüstung erfüllen zu können.

Neben dem Entwicklungszentrum wird aber auch die allgemeine Präsenz in Deutschland ausgebaut. Im Augenblick arbeiten in Neu-Isenburg rund 30 Mitarbeiter für die deutsche Vertriebsgesellschaft. Welche Bedeutung der europäische und hier insbesondere der deutsche Markt hat, kommt aber auch an anderer Stelle zum Ausdruck. Wie die deutsche Gesellschaft, so wird derzeit auch das Europa-Hauptquartier personell aufgestockt; es liegt übrigens auf der selben Etage des Neu-Isenburger Bürokomplexes, in dem auch die Hankook Reifen Deutschland GmbH ansässig ist. Seit Februar 2006 wird die Europazentrale nicht mehr von einem Koreaner in der Stellung eines Vizepräsidenten geführt, sondern der neue Leiter des hiesigen Regionalhauptquartiers Seung Hwa Suh steht im Rang eines Präsidenten, der gleichzeitig einer der CEOs beim koreanischen Mutterkonzern ist. Dies werte Europa nicht nur personell auf, sondern zeige auch exemplarisch die wachsende Bedeutung des europäischen Marktes für den Reifenhersteller, so Dietmar Olbrich. Das Hauptquartier steuere die gesamten europäischen Märkte, ist für die Stückzahlenplanungen verantwortlich und führt die strategische Markenentwicklung.

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