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Zweikomponentenlauffläche jetzt auch beim „Pilot Power 2CT“

Der erst vor zwei Jahren neu eingeführte Sportreifen „Pilot Power“ hat Zuwachs bekommen. In dieser Saison stellt Hersteller Michelin diesem Modell den „Pilot Power 2CT“ zur Seite, wobei das zusätzliche Zahlen-/Buchstabenkürzel für „Two Compound Technology“ steht. Damit hat der neue Reifen diese Zweikomponentenmischungstechnologie von dem straßenzugelassenen Motorradrennreifen „Power Race 2CT“ der Franzosen geerbt, der seit vergangenem Jahr im Markt erhältlich ist. Fahrern, die eine sportliche Gangart bevorzugen, wird dank der in verschiedenen Bereichen der Lauffläche zum Einsatz kommenden unterschiedlichen Gummimischungen beispielsweise das Erreichen größerer Schräglagenwinkel bei Kurvenfahrten versprochen.

Obwohl sich die von Michelin empfohlenen Einsatzbereiche für die beiden „Pilot-Power“-Varianten im Grunde nur wenig voneinander unterscheiden und beide ein identisches Profil aufweisen, soll die „2CT“-Ausführung aber nicht etwa den Reifen ohne diesen Namenzusatz ablösen. Vielmehr werden beide Modelle parallel erhältlich sein. „Derzeit gibt es keinerlei Planungen, den ‚Pilot Power’ zugunsten des ‚2CT’ aus dem Programm zu nehmen“, erklärt Stéphane Schröder, Marketingverantwortlicher Deutschland/Österreich/Schweiz für die Michelin-Zweiraddivision, auf Nachfrage der NEUE REIFENZEITUNG. Endverbraucher werden seinen Worten zufolge für den jüngst vorgestellten Reifen allerdings mit einem im Vergleich zu der „Normalversion“ etwa zehn Prozent höheren Verkaufspreis rechnen müssen. Angeboten wird der „Pilot Power 2CT“ in den drei Dimensionen 120/70 ZR17 für das Vorderrad sowie 180/55 ZR17 und 190/50 ZR17 für das Hinterrad. Damit eignet er sich laut Michelin für alle sportlichen Motorräder, wozu insbesondere auch die MV Agusta F4 1000 und Kawasaki ZX-10 des aktuellen Jahrgangs gezählt werden.

Konnte schon der Ur-“Pilot-Power“ bei seiner Präsentation vor zwei Jahren mit dem aus dem MotoGP-Rennengagement Michelins abgeleiteten Einsatz von synthetischen Elastomeren in der Laufflächenmischung aufwarten, ist nach dem für den Straßeneinsatz zugelassenen Rennreifen „Power Race 2CT“ in Form der Zweikomponententechnologie nunmehr eine weitere im Motorsport erprobte Innovation bei einem Serienprodukt des französischen Herstellers angekommen. Denn die in Zonen unterschiedlicher Gummimischungshärte eingeteilte Lauffläche hat Michelin zunächst im Motorradrennsport eingesetzt. Und das durchaus mit Erfolg, denn auch in der vergangenen Saison war der Hersteller wieder Ausrüster des Weltmeisters Valentino Rossi in der MotoGP-Klasse. „Praktikabel wird die Zweikomponententechnologie erst durch unsere C3M-Fertigung. Auf konventionellem Wege wäre eine Produktion zwar theoretisch ebenfalls möglich, doch im Vergleich viel zu aufwendig“, so Schröder im Gespräch mit dieser Fachzeitschrift.

Laut Michelin werde mit dem C3M-Verfahren die beste Synergie zwischen MotoGP- und Handelsreifen erzielt. Bei dem einstufigen C3M-Verfahren – herkömmliche Pneus produziert man in einem siebenstufigen Prozess – wird der Reifen demnach auf einem soliden Kern aufgebaut. Die Form des „rohen“ Reifens entspreche dabei der des fertigen, vulkanisierten Reifens. Das Fertigungsverfahren ermöglicht Angaben des Unternehmens zufolge höchste Präzision bei Volumen und Geometrie und sei daher besonders für Zweikomponentenreifen wie den „Power Race 2CT“ oder den „Pilot Power 2CT“ geeignet. Die Leistungsverbesserung durch das neue Verfahren führt Michelin im Wesentlichen auf den optimierten Kompromiss zwischen Haftung und Abrieb zurück. Obwohl der neue „Pilot Power 2CT“ damit nicht nur in Bezug auf die Mischung, sondern auch mit Blick auf das Fertigungsverfahren mit „MotoGP-Genen“ aufwarten kann, ist er dennoch eher für Fahrer von Supersportmotorrädern gedacht, die hauptsächlich auf der Straße unterwegs sind.

„Das ist das, was wir ständig versuchen: Die Übertragung von Rennsporttechnologien aus den Spitzenserien des Motorsports auf die Produkte, die im öffentlichen Straßenverkehr eingesetzt werden“, erklärt Markus Merkle, Leiter des Geschäftsbereiches Zweiradreifen für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Michelin. Erfreulich zu hören für diejenigen Fahrer, die bisher auf dem „Pilot Power“ unterwegs waren, dürfte es sein, dass bei einem etwaig geplanten Wechsel zur „2CT“-Ausführung keine neue Freigabebescheinigung erforderlich wird. Soll heißen: Die Freigaben der Basisversion gelten auch für den neuen Reifen. „Wir haben keine Unterschiede im Fahrverhalten feststellen können, die für die Homologation relevant sind. In vielen Fällen ist darüber hinaus eine Mischbereifung aus ‚Pilot Power’ zusammen mit dem ‚Pilot Sport’ oder dem neuen ‚Pilot Power 2CT’ freigegeben“, geht Thomas Ochsenreither, Leiter Erstausrüstung Deutschland/Österreich/Schweiz der Michelin-Zweiraddivision, ins Detail. „Die Freigabe von Mischbereifungen ermöglicht dem Motorradfahrer den schnellstmöglichen Wechsel eines einzelnen Reifens, ohne gleich beide tauschen zu müssen, wenn beispielsweise der Hinterreifen – wie meist üblich – eher die Verschleißgrenze erreicht als der Vorderreifen. Das ist ja auch immer eine Kostenfrage“, sagt Ochsenreither.

Die Mitte der Lauffläche verfügt beim Michelin „Pilot Power 2CT“ über eine härtere Gummimischung, um den dort auftretenden Beanspruchungen bei hohen Geschwindigkeiten, starken Beschleunigungs- oder Abbremsmanövern gewachsen zu sein. Die Schulterbereiche der Lauffläche, auf denen der Reifen bei Schräglage des Motorrades rollt, sind aus weicheren Gummimischungen gefertigt. Beim Vorderreifen beträgt der Anteil der weicheren Mischung am linken bzw. rechten Rand der Lauffläche jeweils zehn Prozent der Gesamtbreite, am Hinterrad sind es jeweils elf Prozent. Damit soll maximaler Grip bei Kurvenfahrten gewährleistet werden. „Mit dem ‚Pilot Power 2CT’ sind bei trockener Fahrbahn mit einem sportlichen Serienmotorrad Schräglagenwinkel von bis zu 51,2 Grad möglich. Damit beträgt die Differenz zu den maximal möglichen Schräglagen von MotoGP-Maschinen, die auf Werte von bis zu 55 Grad kommen, gerade einmal 3,8 Grad“, zeigt Merkle das Potenzial des Reifens auf und bezieht sich dabei auf Messergebnisse des unternehmenseigenen Forschungs- und Versuchszentrums.

„Renn- und Straßenreifen unterscheiden sich also immer weniger“, so Merkle zu dem Einfluss der weicheren Schultern der Lauffläche. Wobei seinen Worten zufolge damit kaum Einbußen hinsichtlich der Kilometerlaufleistung im Vergleich zu dem normalen „Pilot Power“ verbunden sind. „Bei der Geradeausfahrt, die in der Regel bei den allermeisten Motorradfahrern den größten Teil des Einsatzes der Reifen ausmacht, wird schließlich hauptsächlich die Laufflächenmitte belastet. Dort unterscheiden sich die beiden Reifen aber bezüglich ihrer Eigenschaften nicht. Erst bei Kurvenfahrten macht sich die weichere Mischung am Rand der Lauffläche bemerkbar“, erklärt Markus Merkle. „Wenn man den Reifen permanent auf der Flanke bewegen könnte, wäre die Laufleistung natürlich geringer“, ergänzt Ochsenreither. „Bei einem Schräglagenwinkel von 36 Grad macht die weichere Zone beispielsweise einen Anteil von etwa 30 Prozent der gesamten Bodenaufstandsfläche aus. Bei 48 Grad Schräglage sind es demgegenüber dann schon 65 bis 70 Prozent“, fügt Merkle hinzu.

Der neue Reifen ist aber nicht nur gekennzeichnet durch seine zwei unterschiedlichen Gummimischungen. Aufseiten seines Unterbaus verfügt er über eine Karkasse, die das Handling spürbar erleichtern soll. Zusammen – so verspricht Michelin – sorgen diese beiden konstruktiven Faktoren „für spritzigeres, temperamentvolleres Fahren“. Auch finden sich bei dem „Pilot Power 2CT“ die zu 100 Prozent synthetischen Elastomere MRSE (Michelin Racing Synthetic Elastomers) wieder, die schon zusammen mit der Basisversion Einzug in die Serienfertigung des Herstellers gehalten hatten, ebenso wie die gleichfalls zu 100 Prozent synthetischen Hilfsstoffe wie MMC (Macro Molecular Compound) und HTSC (High Tech Synthetic Compound). Hinzu kommt eine spezielle Silicaverstärkung. Damit ist der Reifen nach Meinung der Franzosen ideal geeignet für die aktuelle Generation von Supersportmaschinen, die in den vergangenen Jahren immer stärker und gleichzeitig leichter geworden sind und sich bezüglich Geschwindigkeit, Bremskraft und Kurvenverhalten immer weniger von den in der MotoGP-Klasse startenden Rennmaschinen unterscheiden. Insofern ist das schon von so manchem Reifenhersteller gehörte Motto „von der Rennstrecke auf die Straße“ wo nirgendwo tatsächlich so nah an der Realität, wie im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Motorradreifens für die supersportlichen Maschinen von heute.

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