3. „Continental-Studentenumfrage“

Die deutschen Studenten sehen ihre Zukunftschancen optimistischer als in den Vorjahren, sind aber deutlich immobiler. Sie erwarten Arbeitszeiten von 40 Wochenstunden und mehr im ersten Job und sind bereit, frühzeitig in die eigene Altersvorsorge zu investieren. Die Familie steht grundsätzlich hoch im Kurs, für die Karriere würden aber 25 Prozent der Hochschulabsolventen auf die Gründung einer eigenen Familie verzichten. Die Studenten bewerten die Qualität der Hochschulausbildung in Deutschland überwiegend positiv. Eine Mehrheit bleibt – bei abnehmender Tendenz – Eliteuniversitäten gegenüber skeptisch. Das sind einige Ergebnisse der repräsentativen 3. „Continental-Studentenumfrage“, die der internationale Automobilzulieferer heute in Darmstadt in Kooperation mit der TU Darmstadt vorgestellt hat.

TNS/Infratest hatte wie schon seit 2003 im Auftrag des Unternehmens Ende vergangenen Jahres 1.006 Studenten zu ihren Ansichten zu Arbeitszeit, Karriere, Qualifizierung sowie Hochschulreformen und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland befragt. Continental stellt jährlich zwischen 800 und 1.000 Hochschulabsolventen ein, davon bis zu 50 Prozent in Deutschland.

„Zum Glück: Die Zukunftserwartung unter den deutschen Studenten hat sich deutlich verbessert“, sagte Continental-Personalvorstand Thomas Sattelberger: „69,7 Prozent der Befragten nach zuvor stabil 63 Prozent schätzen ihre Karrierechancen sehr zuversichtlich oder eher zuversichtlich ein. Dieser Trend zeigt sich insbesondere bei jüngeren Befragten. Nur noch 4,8 nach zuvor zwischen sieben und neun Prozent sind wenig oder überhaupt nicht zuversichtlich.“ Der Präsident der TU Darmstadt, Professor Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner, nannte dies ein ermutigendes Zeichen: „Hoffnung ist ein starker Faktor für Engagement und Motivation schon im Studium.“

Als Gründe für eine eher positive Erwartungshaltung werden (Mehrfachnennungen möglich) eher externe Faktoren wie Qualifikation/Studium/Abschluss (46,5 Prozent) angegeben, deutlich weniger die eigene optimistische Einstellung, Leistungsbereitschaft oder „gesundes Selbstbewusstsein“ (25,4 Prozent) sowie Nachfrage im Beruf (15,7 Prozent) – hier besonders ausgeprägt bei Ingenieuren mit 26,8 Prozent. Insgesamt nähern sich die deutschen Studenten bei der Einschätzung ihrer Karrierechancen den Werten ihrer Kommilitonen in Rumänien an. Dort sind 73,5 Prozent bezüglich ihrer Karrierechancen sehr zuversichtlich oder eher zuversichtlich, skeptisch lediglich 4,4 Prozent, ergab die im Herbst 2005 vorgestellte 1. „Continental-Studentenumfrage“ in Rumänien, die einen Vergleich unter anderen Perspektiven ergeben sollte. „Auffällig ist, dass die Karriereerwartungen bei deutschen Frauen mit 60,5 Prozent zu 74,9 Prozent bei den Männern deutlich geringer ausgeprägt ist und auch stark hinter denen der Rumäninnen zurückbleibt, bei denen 69,9 Prozent der Frauen optimistisch sind“, erklärte Sattelberger. „Unternehmen brauchen und wollen karrierebewusste Frauen.“

Deutlich höher als zuvor wird auch die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen eingeschätzt: Knapp zwei Drittel der Befragten bewerten sie als „sehr gut“ oder „gut“, zuvor war es nur jeder Zweite. „Unternehmerischer Erfolg und die Einschätzung der Karriereaussichten korrelieren: Der akademische Nachwuchs weiß, dass nur erfolgreiche Unternehmen Garanten für die Perspektive junger Menschen sein können“, betonte Sattelberger. „Schön wäre, wenn auch die Politik diese Einsicht gewänne.“

Die Kehrseite der positiveren Stimmung ist die abnehmende Mobilität, insbesondere in weniger attraktiv wahrgenommenen Ländern. Mit 47,2 Prozent können sich nur noch weniger als die Hälfte der Befragten vorstellen, „ganz bestimmt“ oder „eher wahrscheinlich“ ihren Traumjob in Osteuropa anzunehmen. Zuvor waren es 56,3 bzw. 49,2 Prozent. Für diese Trendumkehr sind vor allem die Männer verantwortlich: Hier fiel die Akzeptanz von 60,5 Prozent auf 48,5 Prozent. Ähnlich sind die Werte für China, wohin nur noch 37,5 (45,7) Prozent wegen des Traumjobs ziehen würden. Auch hier ist die veränderte Haltung bei Männern (positive Einstellung nur noch 38,8 nach 48,4 Prozent) stärker ausgeprägt als bei Frauen (35,1 zu 41,2 Prozent).

Die Zurückhaltung nannte Wörner „bedenklich“: „Dies ist eine Herausforderung. Wir müssen als Universitäten vorleben, dass Mobilität ein selbstverständliches Element in Studium und Beruf sein sollte.“ TU-Vizepräsident Professor Dr.-Ing. Reiner Anderl unterstrich, dass alle Studiengänge an der TU Darmstadt ihren Studierenden künftig die Chance zu einem Auslandsaufenthalt anbieten werden. „Oft wird übersehen, dass die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen meist durch deren Standorte im Ausland generiert wird. Gerade die jungen Mitarbeiter müssen sich meist zunächst am ausländischen Standort beweisen, bevor sie im eigenen Land Erfolge feiern können. Im Grunde müssen sie sich während ihrer gesamten Karriere global beweglich und für ihr Unternehmen international einsatzfähig halten“, sagte Prof. h.c. Lothar Späth, ehemaliger Ministerpräsident Baden-Württembergs und früherer Jenoptik-Chef, als Ehrengast zu den Ergebnissen der Umfrage.

Die persönliche Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich schätzen die Absolventen positiv ein: 10,5 Prozent halten sie für „sehr gut“, 47,2 Prozent für „gut“, 32, 5 Prozent für „zufrieden stellend“, 8,5 Prozent für „ausreichend“ und nur 1,2 Prozent für „unzureichend“. Dies sehen erneut die Frauen skeptischer als die Männer: „Eine positivere Einschätzung der eigenen Karrierechancen darf aber nicht zum Trugschluss verführen, dass weniger Mobilität erforderlich sei“, warnte Sattelberger. „Das Gegenteil ist der Fall: Karrieren entstehen nun häufiger durch Herausforderungen in Wachstumsregionen. Mobilität gehört als wichtiger Bestandteil zum Fundament, auf dem stabile Karriereleitern stehen.“

Sehr realistisch sind die Erwartungen bezüglich der Arbeitszeiten im ersten Job. 48,0 (2004: 46,3) Prozent erwarten eine frei vereinbarte Arbeitzeit von mehr als 40 Stunden in der Woche. Auffällig: Dies gilt für 52,4 (54,9) Prozent der Männer und 40,3 (33,7) Prozent der Frauen. Nur 1,5 (1,8) Prozent der Befragten gehen von tariflichen 35 Stunden pro Woche aus, 3 (5) Prozent von 37,5 Stunden pro Woche. Regelmäßige Wochenendarbeit ist für 18,8 (20,1) Prozent kein Problem, 66,7 (66,1) Prozent können sich das „gelegentlich“ vorstellen; 9,8 (9,9) Prozent sagen, dies wäre ein Grund für sie, den Arbeitsplatz nicht anzunehmen.

Der Aussage: „Ich kann mir vorstellen, in einem Land mit niedrigeren Lebenshaltungskosten als in Deutschland zu arbeiten und entsprechend weniger zu verdienen“, stimmen 63,1 (2004: 53,9) Prozent voll und ganz oder eher zu. 13,5 (16,5) Prozent lehnen dies ab. „Stellt man diese Aussagen in Zusammenhang mit denen zur Mobilität ins Ausland, so lässt das nur einen Schluss zu: Wirtschaftliche Zwänge erhöhen die geistige Bereitschaft zur Mobilität ins Ausland deutlich, freiwillig nutzen diese Chance deutlich weniger Absolventen, selbst für Traumjobs“, sagte Sattelberger.

Einen völlig abseits des Studien-Spektrums gelegenen Arbeitsplatz können sich 60,8 (58,3) Prozent voll und ganz oder eher vorstellen, auf Ablehnung trifft dies bei 17,2 (18,9) Prozent. Bei Verlust des Arbeitsplatzes würden 10,4 (5,5) Prozent ohne jeden Einwand einen schlechter bezahlten Job annehmen, 33,6 (30,5) Prozent können sich das eher vorstellen, 39,3 (44,5) Prozent sagen „teils, teils“. Dieser Trend ist am stärksten bei Wirtschaftswissenschaftlern ausgeprägt und am schwächsten bei Naturwissenschaftlern. Außerdem herrscht eine wesentlich höhere Bereitschaft bei Frauen als bei Männern.

Zum Vergleich: In Rumänien würden nur 23,3 Prozent der Hochschulabsolventen bei Jobverlust einen unterdurchschnittlich bezahlten Arbeitsplatz annehmen. „Das zeigt, dass in Deutschland das Berufsleben zunehmend als ein Auf und Ab angenommen wird, in dem man auch mal einen Einschnitt akzeptieren muss“, betonte Sattelberger. „Die jungen Menschen sollten sich der wichtigsten Attribute für den Arbeitsmarkt bewusst sein: neugierig, flexibel, kreativ“, ergänzte Prof. Späth.

Beim Thema Gehaltsinvest/Arbeitszeitkonten gaben 69,9 (2005: 64,8) Prozent an, sie können sich vorstellen, Teile des Gehalts für Familienzeit zu investieren, für 22,8 (26,5) Prozent hängt dies von der Höhe ab, 7,4 (8,7) Prozent lehnen dies grundsätzlich ab. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich hier insbesondere die Haltung der Männer verändert.

Vor eine erweiterte Wahl gestellt, würden sich 19,6 (30,5) Prozent für Fortbildung, 42,8 (50,5) Prozent für Familienzeit und 37,1 Prozent für Altersvorsorge entscheiden. Vor einem Jahr hatten an dieser Stelle nur 18,3 Prozent für einen Beitrag zum vorgezogenen Renteneintritt gestimmt. Eine überwältigende Mehrheit von 88,9 (81) Prozent ist grundsätzlich bereit, bis zu 50 Stunden pro Woche zu arbeiten, um das angesparte Zeitguthaben später für Familienphase/Familienzeit zu nutzen. 11,1 (13,4) Prozent lehnen dies grundsätzlich ab. Die Angaben zwischen Männern und Frauen unterscheiden sich auch hier kaum.

Prof. Anderl: „Familie hat einen hohen Stellenwert. Darauf muss auch die universitäre Ausbildung reagieren und durch geeignete Studienstrukturen, wie etwa Teilzeitstudium reagieren. Entwicklungen in Richtung familienfreundliche Universitäten sind enorm wichtig geworden.“ Anderl nannte es ein „hochinteressantes Ergebnis, dass sich die Einstellungen beim persönlichen Investitionsverhalten verschoben haben. Zwar ist die Investitionsbereitschaft in Bildung hoch (51,6 Prozent), allerdings leicht gesunken (53,3 Prozent im vergangenen Jahr).

Die Investitionsbereitschaft dagegen, Teile des Gehalts in Familienzeit (von 64,8 Prozent auf 69,9 Prozent) zu investieren, ist gestiegen und auch die Bereitschaft, Teile des Gehaltes in Altersversorgung zu investieren, ist ausgesprochen hoch. Wir müssen aufpassen, dass der Stellenwert der Bildung nicht sinkt, insbesondere für die berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung.“

Bei der Auswahl des Studiengangs haben sich 70,7 Prozent der Befragten von Berufs-/ Jobperspektiven leiten lassen. Überdurchschnittlich oft nannten dies angehende Wirtschaftsinformatiker (90 Prozent), Elektrotechnik- und Maschinenbauingenieure (81 bzw. 82 Prozent) sowie Informatiker (79 Prozent). Für 37,2 Prozent waren Karrieremöglichkeiten ausschlaggebend. Hier liegen Wirtschaftswissenschaftler mit 52,7 Prozent deutlich über dem Durchschnitt. Das erwartete Gehalt nennen insgesamt 36,1 Prozent der Befragten, auffällig sind erneut überdurchschnittliche Werte für Elektrotechnik- und Maschinenbauingenieure (47,5 bzw. 48,8 Prozent). Das Studienangebot der Universität geben 24,9 Prozent, den gesellschaftlichen Status 23,1 Prozent und die Nähe der Hochschule zum Wohnort 22,2 Prozent an.

„Deutschlands Zukunft liegt nicht im Niedriglohnbereich, sondern in der Entwicklung hochinnovativer Produkte und Dienstleistungen. Dafür brauchen wir qualifizierten Nachwuchs. Es ist eine Chance für unser Land, dass die jungen Leute dies einsehen und sich vor allem von Job-/Berufsperspektiven bei der Studienwahl leiten lassen. Damit übernehmen sie gleichzeitig die stets geforderte Verantwortung für sich selbst“, sagte Prof. Späth.

„Auffällig sind Unterschiede in den Angaben zwischen Männern und Frauen: Die Job-/Berufsperspektiven geben 73,2 Prozent der Männer, aber lediglich 66,3 Prozent der Frauen an, bei Karrieremöglichkeiten sind es 39,3 zu 33,4 Prozent und beim potenziellen Gehalt 39,5 zu 30,1 Prozent. Bemerkenswert auch, dass für 25,4 Prozent der Männer die Nähe der Hochschule zum Wohnort eine Rolle spielt, aber lediglich für 16,4 Prozent der Frauen“, sagte Sattelberger. „Das Prinzip Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt greift: Besonders Ingenieure sind sich ihres Marktwerts bewusst! Außerdem scheint das „Hotel Mama“ zunehmend von männlichen Studenten genutzt zu werden, während Frauen offenkundig mehr Anpassungsfähigkeit beweisen“, sagte Sattelberger.

Zum Thema Elitehochschulen äußerten sich (ungestützt befragt, Mehrfachnennungen möglich) 58 Prozent eher ablehnend, ein Jahr zuvor waren es in der Tendenz noch 68 Prozent. Eine positive Einstellung haben unverändert rund ein Drittel der Befragten. Die Befürworter sahen vor allem mehr Wettbewerb an den Hochschulen sowie eine positive Wirkung für internationalen Wettbewerb. Die Skeptiker meinen, das Geld solle besser für das Hochschulsystem insgesamt investiert werden. Es wird zudem befürchtet, es könnte weniger Mittel für „normale“ Hochschulen geben oder dass Elitehochschulen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft fördern könnten. „Stünde genug Geld als Bildungsinvest für alle Hochschulen zur Verfügung, würde Elitenförderung weniger skeptisch betrachtet“, meinte Sattelberger dazu. „Man muss Breitensport wie Spitzensport betreiben, aber auch entsprechend fördern.“

TU-Präsident Professor Dr.-Ing. Wörner mahnte, die aktuelle Exzellenz-Initiative von Bund und Ländern müsse in der Öffentlichkeit „realistischer“ bewertet werden: Zum einen werde der Umfang der Fördermittel, die eine Universität erreichen könne, überschätzt. Andererseits werde zu wenig gewürdigt, wenn eine Universität eine Graduiertenschule oder einen starken Forschungsschwerpunkt erfolgreich durch das harte Begutachtungsverfahren „bringen“ könne.

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