Kann man Crossover weiter kreuzen?

Wenn wir heute vom starken Wachstum im 4×4- bzw. im Offroadreifensegment reden, haben wir wenigstens schon einen bedeutenden Fehler begangen: Die Fahrzeuge, die die Marktentwicklung bestimmen, sind schon länger nicht mehr die klassischen Allradfahrzeuge für den Gebrauch abseits befestigter Straßen. Heute erleben wir einen stagnierenden 4×4-/Offroadmarkt, was sich auch in der Nachfrage nach den dazugehörigen Profilen widerspiegelt. Verantwortlich für das starke Wachstum sind einzig und allein die so genannte Sport-Utility-Vehicles, kurz: SUVs, die wenigstens groß und schnell sein müssen, wenn man mit ihnen schon nicht ins Gelände fährt.

Dass es insbesondere der SUV-Markt, der Markt der berühmten Crossover-Fahrzeuge ist, die alles gleichzeitig können sollen und nun alles in Bewegung halten, zeigt sich zwar nicht nur anhand der jährlichen Statistiken des Kraftfahrt-Bundesamtes. An ihr lassen sich aber bereits die ersten Entwicklungstrends ablesen. Denn dort sind es eben nicht die „Geländewagen“, so das Zahlenwerk des KBA, die sich ihrem Namen entsprechend im Gelände bewegen und die in der Zulassungsstatistik mit einem dicken Plus in der Spalte der jährlichen Veränderungen protzen. So wurden im vergangenen Jahr laut KBA etwa gerade einmal noch 1.212 Land Rover Defender in Deutschland neu zugelassen, was einem Rückgang von 21,7 Prozent gegenüber 2004 entspricht. Aber auch eine ehemals gesetzte Größe im Offroad-Segment wie der Mitsubishi Pajero verlor im vergangenen Jahr bei den Neuzulassungen um die 20 Prozent und erreichte in 2005 noch einen Anteil von 2,3 Prozent bei allen Neuzulassungen im Segment (2004: 3,2 %). Modelle wie der X3 (11,4 % Anteil an den Neuzulassungen) oder der X5 von BMW (7,1 %), aber auch die Modelle der Wettbewerber Mercedes mit der M-Klasse (7,0 %) und Volkswagen mit dem Touareg (9,2 %) dominieren hier zahlenmäßig den Markt, obwohl auch hier die Entwicklung nicht mehr nur noch nach oben geht. Die seit weit über einem Jahrzehnt stark im Kommen befindendlichen SUVs geben also auf diesem Markt mehr als deutlich den Ton an.

Durch diesen Trend hin zu den SUVs, während die Nachfrage nach klassischen Offroadern eher stagniert, wird natürlich auch die Nachfrage im Reifenfachhandel nach entsprechenden Profilen vorangetrieben. „Die Fahrer von SUVs wie Audi Q7, Mercedes-Benz M-Klasse, Porsche Cayenne verlangen vermehrt Straßenprofile, die über höhere Speedindizes und breitere Dimensionen verfügen“, heißt es dazu von Bridgestone. (Zu den Details der Veränderungen bei den verschiedenen Größen siehe auch den gesonderten Beitrag in dieser Rubrik.) Ergänzend habe sich sogar eine Tuning-Szene entwickelt, bei der auf einen serienmäßig mit 17 Zoll ausgestatteten VW Touareg im Ersatzgeschäft auf 19 oder 20 Zoll umgerüstet werde, heißt es aus Bad Homburg weiter. Dies sind natürlich gute Nachrichten für den Reifenfachhandel.

Darüber hinaus hat sich in der jüngsten Vergangenheit gemeinsam mit den gestiegenen Ansprüchen von SUV-Fahrern in punkto Größe und Geschwindigkeit auch ein breites Winterreifengeschäft entwickelt. Hierzu Bridgestone Deutschland: „In den Wintermonaten werden für diese Fahrzeuge gezielt Winterreifenprofile nachgefragt, durch die Sicherheit und Komfort auch auf verschneiten Straßen bei niedrigen Temperaturen gewährleistet werden.“ Es entstehe also wie bereits auf dem Pkw-Reifenmarkt ein Kundenfrequenz bringendes SUV-Umrüstgeschäft; eine weitere positive Nachricht für den Reifenfachhandel. Darüber hinaus dominieren beim Umrüstgeschäft auf SUV-Winterreifen einige wenige Dimensionen den Markt, was die logistische Komplexität des Umrüstgeschäfts durchaus verringert. Mit den zehn Standardwintergrößen können drei Viertel der Kunden bedient werden. (Siehe gesonderten Beitrag).

In dem Marktsegment geländetauglicher Straßenfahrzeuge bzw. straßentauglicher Geländefahrzeuge dominieren zwar neuerdings die SUVs das Geschehen, während das klassische Offroadsegment stagniert. Dennoch lassen sich auch innerhalb des SUV-Fahrzeugsegments mittlerweile gewisse Trends ablesen, die die weiterhin frohen Erwartungen des Reifenfachhandels trüben könnten. Während niemand in Europa seit dem Aufkommen der ersten SUVs wirklich daran geglaubt hat, einmal amerikanische Verhältnisse mit weitverbreiteten Straßenpanzern – der Hummer ist ein amerikanisches Automobil – zu erleben, so scheint sich doch auch innerhalb dieses Segments eine gewisse Diversifizierung abzuzeichnen, in der kleinere Fahrzeuge die Oberhand erhalten werden. Dabei spielen Argumente wie natürlich die überaus hohen Unterhalts- und Anschaffungskosten aber auch die vergleichsweise hohen Schadstoffemissionen eine Rolle. Im Durchschnitt verbrauchen große SUVs gegenüber Kombis mit gleicher Motorisierung rund ein Drittel mehr Treibstoff und stoßen in gleicher Menge auch mehr CO2 aus. Der Trend zu kleineren SUVs, wie er sich derzeit anhand der in Detroit oder in Genf vorgestellten Fahrzeugmodelle wieder einmal erkennen lässt, werde nach Einschätzung des Essener Marktforschungsunternehmens R.L. Polk Europe zwar die ökologischen Nachteile von SUVs im Vergleich zu klassischen Fahrzeugkonzepten verringern, sie aber nicht ganz aufheben können.

Laut den Essener Marktforschern kommen in der Zeit von 2004 bis 2008 wenigstens 20 völlig neue Modelle im „mittleren Bereich“ des SUV-Segments auf den europäischen Markt, während nur sieben neue SUV-Oberklassefahrzeuge erwartet werden. Welche Formen die Diversifizierung unter den SUV-Fahrzeugen in Zukunft annehmen wird, bleibt indes abzuwarten. Nicht umsonst spricht man bereits heute in Ermangelung eines treffenden Ausdrucks von Crossover-Fahrzeugen, die alles gleichzeitig sein und können sollen.

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