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Eine „Gefühlsbilanz“

Diplom-Kaufmann und Psychologe Bernd Rinke bzw. seine in Hannover ansässige Firma „Rinke Seminar – Creative Unternehmensberatung“ geht schon seit mehr als anderthalb Jahrzehnten bei der vormaligen Grasdorf Räder GmbH ein und aus. Er kennt das Unternehmen aus dem Effeff, die Eigenarten und Stärken der Mitarbeiter und vor allem der Führungsspitze um Diplom-Ingenieur Bernd Pyritz. Und er hat – auch daran sei erinnert – schon einmal eine im Segment der Landwirtschaftsreifen spektakuläre Übernahme begleitet: als sich Grasdorf den Mitbewerber Meyer & Bolte nach mehr als ein Jahr währendem Hin und Her Ende 1998 schließlich einverleiben konnte. Insgesamt habe er bei seiner Beratungstätigkeit für Grasdorf ein neunstufiges Programm absolviert, das in seiner logischen Konsequenz im Herbst letzten Jahres zu einem Projekt geführt hat, das unter dem Titel „Gefühlsbilanz“ steht.

Dabei hat sich die Firma vor etwa zwei Jahren erneut fundamental verändert: Ging es allerdings in den 90er eher um eine Übernahme, so ist das Zusammengehen der vormaligen Wettbewerber Wennekamp und Grasdorf eher als Fusion zweier Unternehmen zu werten, die sich auf Augenhöhe begegneten. All das hat Rinke hautnah erlebt mit spannenden personellen Konstellationen, denn mit der Jahre zuvor erfolgten Übernahme Meyer & Boltes war auch ein Verkaufsteam auseinandergerissen worden, dass forthin im Markt aufeinander losgelassen und jetzt wieder zusammengeführt war. Auch für Bernd Rinke eine Herausforderung, deren Gelingen mit dem von ihm initiierten und inzwischen abgeschlossen Pilotprojekt „Gefühlsbilanz“ zeigen sollte, welche Gefühle die Mitarbeiter heute ihrem Unternehmen entgegenbringen und warum sie dies so tun. Und weil er es nicht bei einer Situationsbeschreibung belassen wollte, fragte er auch nach den Gefühlen der Mitarbeiter, wenn sie an die Zukunft ihrer Firma denken.

Wie eine Unternehmensbilanz

Rinke betont, dass die „Gefühlsbilanz“ ein völlig neues betriebswirtschaftliches Instrument, patent- und markenrechtlich geschützt ist und vertreten wird durch die „SuK Unternehmensberatung AG“ in Rosenheim. Gemeinsam mit Mitgesellschafterin Christa Engel hat er das Projekt bei der Grasdorf Wennekamp GmbH durchgeführt. Wobei das Kürzel „SuK“ übrigens für „Spaß und Kohle“ stehe, so Bernd Rinke. Diese griffige Kurzform drückt sein Credo aus, dass sich Unternehmenserfolg auf zwei Ebenen widerspiegele: Einmal – ganz konventionell – in Zahlen wie zu Umsatz, Rendite, messbaren und quantifizierbaren Daten, der Jahresbilanz eben, in der es – und das ist ja auch richtig so – um Geld (= Kohle) geht. Zum anderen aber ist da das Menschliche, die kaum in Zahlen zu fassende Gefühlsebene, auf der es um Begriffe wie Motivation, Vertrauen und sonstige Emotionen geht (= Spaß). Wie er an diese Informationen über Mitarbeiter herankommt, ist das Grundprinzip seiner Arbeit bzw. ist auch das von ihm propagierte Führungsprinzip: der offene und ehrliche Umgang miteinander.

Der erfolgreiche Unternehmer habe ohnehin schon die beiden Faktoren „S“ und „K“ in seiner Firma beherzigt, sagt der Psychologe und Kaufmann in einer Person Rinke. Diesen Unternehmertyp finde man besonders beim Mittelstand. Obwohl gelegentlich durchaus in patriarchalen Schemata verhaftet, sei er oftmals geleitet von dem Gedanken: „Wenn es mir gut geht, dann soll es auch meinen Mitarbeitern gut gehen.“ Und wenn er so denkt aus dem kühlen Kalkül heraus, dass nur motivierte und mit ihrer Arbeit zufriedene Mitarbeiter auch für den wirtschaftlichen Erfolg einer Firma sorgen können, dann ist dies auch kein Widerspruch. „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, lautet ein inzwischen zur Redensart mutierter Ausspruch eines Ex-Kanzlers.

Mit 34 Mitarbeitern von Grasdorf Wennekamp haben die beiden SuK-Berater Interviews geführt und diesen einerseits offen gehaltene (dabei durchaus im Sinne der Auswertbarkeit standardisierte) sowie möglichst unkomplizierte Fragen gestellt, andererseits aber auch um eine Benotung von minus 5 bis plus 5 gebeten hinsichtlich des Istzustandes einerseits und hinsichtlich der Erwartung für die Zukunft der Firma andererseits. Im Idealfall waren demnach 340 Plus-, aber beim anderen Extrem auch 340 Negativpunkte zu vergeben. Wobei das Gespann Rinke/Engel darauf geachtet hat, alle Bereiche des Unternehmens abzudecken vom Lager über Verkauf (Außen- und Innendienst) und Verwaltung bis hin zur Geschäftsleitung. Aufgeschrieben wurden auch Zitate, deren Sammlung oftmals sehr aussagekräftig ist über Stimmungen und Sorgen innerhalb der Firma.

Die „Gefühlsbilanz“ ist nicht mit einer typischen Mitarbeiterbefragung zu verwechseln. Es wird ausschließlich – wie der Name es schon sagt – nach den „Gefühlen“ gefragt. Wobei die (Lebens-)Erfahrung der beiden Interviewer dahingehend gefordert war, sauber zwischen privaten und beruflichen Gefühlen zu trennen. Daher habe man dies auch wirklich selbst gemacht und nicht beispielsweise Studenten mit Fragebögen durch die Firma geschickt, ausgerüstet mit einem Fragenkatalog. Für Bernd Rinke kann das Ergebnis einer solchermaßen durchgeführten Befragung nicht „so in die Tiefe gehen“ wie bei einer „Gefühlsbilanz“.

Das Ergebnis ist zwar viel besser ausgefallen als erwartet, obwohl jedermann/-frau seine eventuell negativen Einschätzungen hinter der Anonymität hätte verbergen können und die Geschäftsleitung, der natürlich das Ergebnis ausgehändigt wird, auch tatsächlich nicht in Erfahrung bringen kann, wer was gesagt und wie bewertet hat. Das gute Ergebnis ist einerseits eine Bestätigung für die Geschäftsführung von Grasdorf Wennekamp, doch eine ganze Menge richtig zu machen in der Unternehmensleitung, „andererseits hat es uns doch in einigen Punkten nachdenklich gemacht“, sagt Heinz Wennekamp, einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter. So sei beispielsweise deutlich geworden, dass sich die Mitarbeiter die Frage stellen, wie es weitergehe, wenn sich die beiden Geschäftsführer in einigen Jahren in den Ruhestand verabschieden sollten. Wennekamp: „Diese Frage war für meinen Kollegen Pyritz und für mich noch so weit weg, weil wir ja beide noch einige Jährchen und mit unvermindertem Aufwand unsere Aufgaben wahrnehmen wollen.“ Doch wenn es die Mitarbeiter beschäftige, dann sei das eine Verpflichtung für die Geschäftsführung, diese Frage viel intensiver als in der Vergangenheit anzugehen und nicht länger im Diffusen zu lassen bzw. auf die lange Bank zu schieben.

Auch Rinke selbst ist von dem überragend guten Ergebnis der ersten von ihm aufgestellten „Gefühlsbilanz“ überrascht, auch wenn er das gute Mitarbeiterklima im Hause Grasdorf Wennekamp ja kennt. Zu richtig „unangenehmen“ Botschaften kam seine Auswertung für die Geschäftsführung des Unternehmens nicht. Durchaus denkbar, wenn er und/oder seine Partnerin Christa Engel dieses Projekt in einem anderen Betrieb initiieren, dass den Führungspersonen ein Spiegel vorgehalten wird, der ihnen so gar nicht in den Kram passt. Was Bernd Rinkes Maxime „offen und ehrlich“ ist, müsse auch ein Unternehmer bereit sein auszuhalten. Und selbst wer beratungsresistent erscheint, wird in solch eine Unterlage irgendwann blicken und sich in irgendeiner Form mit deren Ergebnissen auseinandersetzen.

Beim Beispiel Grasdorf Wennekamp heißt das für Berater Rinke, die Geschäftsführung zu ermuntern, die Ergebnisse der Gefühlsbilanz auch allen Mitarbeitern zugänglich zu machen, damit das Gute von allen anerkannt und Verbesserungen von jedem Einzelnen vorangetrieben werden können. In zwei, drei Jahren – so ist es erst einmal vorausgeplant – will Grasdorf Wennekamp eine neue Gefühlsbilanz aufstellen. Dann wird ermittelt, ob sich die Gefühlsbilanz verschlechtert hat oder ob noch weniger Sand im Getriebe ist und die Werte noch besser sind.

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