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Rohstoffpreise beeinflussen Reifenpreise

Rohstoff- und Vormaterialpreise für die Reifenherstellung rückten in der jüngsten Vergangenheit immer wieder in den Mittelpunkt des Marktinteresses, machten die steigenden Kosten doch einerseits ein Anheben der Sell-in-Preise notwendig, ohne aber andererseits die Profitabilität der herstellenden Unternehmen negativ zu beeinflussen. Dabei wirkt sich hauptsächlich der hohe Ölpreis – und darauf aufbauend die Preise für die verschiedenen Synthesekautschuk-Sorten – sowie die explodierenden Stahl- und Naturkautschukpreise auf die Kosten der Reifenindustrie aus. Über den Einkauf haben die Hersteller aber nur wenig Möglichkeiten, ihre Kalkulationen zu optimieren – als Stellschraube bleibt oft nur der Verkaufspreis.

Innerhalb von nur zwei Jahren (2002-2004) sind die Preise für die verschiedenen Sorten Synthesekautschuk um bis zu 27 Prozent gestiegen, rechnet der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (WdK) in einem Branchenbericht vor. Insbesondere zu schaffen macht allerdings der hohe Stahlpreis, der im selben Zeitraum um 64 Prozent angestiegen ist; allein im vergangenen Jahr (2004) musste die kautschukverarbeitende Industrie laut WdK eine Preissteigerung von wenigstens 50 Prozent in Europa hinnehmen. Dies habe die Industrie, die allein in Deutschland jährlich rund 300.000 Tonnen Stahl verarbeitet, mit rund 60 Millionen Euro höheren Kosten belastet, schreibt der Verband. Etwa 15 Prozent des Gewichts eines durchschnittlichen Pkw-Reifens machen die Festigkeitsträger wie Stahl, Rayon, Nylon, etc. aus, wobei das Metall daran natürlich den größten Anteil hat.

„Während die Versorgungssicherheit mit Stahlprodukten und Synthesekautschuken in 2004 mehr und mehr in den Vordergrund rückte, stand sie beim Naturkautschuk nicht in Frage. Eine eher verhaltene globale Nachfrage sorgte hier im Jahresverlauf für Preisstabilität, wenn auch auf einem Niveau, das um rund 15 Prozent über dem des Jahres 2003 lag,“ heißt es weiter im WdK-Bericht „Die Kautschukindustrie 2004“. Ein Blick auf aktuellere Preistabellen, die einer der führenden deutschen Kautschuk-Importeure Weber & Schaer aus Hamburg veröffentlicht, werde sich der Preis für Naturkautschuk in 2005 um rund 30 Prozent erhöhen – insbesondere ab Mai haben die Preise deutlich zugelegt, was das Hamburger Unternehmen durch eine Trockenperiode in den Anbauländern sowie daraus entstehende geringere Ernten erklärt. Wie der WdK Ende November kurz vor Redaktionsschluss der aktuellen Ausgabe noch einmal erläutert, stünden für das laufende Jahr bei Naturkautschuk Preissteigerungen von sogar bis zu 50 Prozent ins Haus. Während also Naturkautschuk vom Typ RSS3 („ribbed smoked sheets“; bezeichnet die Form der Trocknung des flüssigen Naturprodukts durch Rauch sowie den Reinheitsgrad) im Januar noch mit etwa einem Euro notiert gewesen ist, steht der tagesaktuelle Kurs sogar bei über 1,50 Euro, so Helmut Hirsch vom WdK. Die Aussagen zu den jeweiligen Kosten- bzw. Preisentwicklungen haben also lediglich eine begrenzte Haltbarkeit. Sicher ist demnach nur: die Preise steigen unaufhörlich.

Im vergangenen Jahr hat die deutsche kautschukverarbeitende Industrie mit 220.500 Tonnen 4,1 Prozent mehr Naturkautschuk verbraucht, als noch ein Jahr zuvor. Wie der WdK weiter berichtet, gehe die gestiegene Nachfrage hauptsächlich auf die erhöhte Produktion von Lkw-Reifen, die einen hohen Naturkautschuk-Anteil haben, zurück. Auch die Serienreife von Notlaufreifen mit verstärkten Seitenwänden mache sich bei der Nachfrage bemerkbar. Knapp 85 Prozent des verbrauchten Naturkautschuks (174.900 Tonnen) finden in der Reifenfertigung Verwendung und nur 15 Prozent werden für die Herstellung Technischer Elastomer-Erzeugnisse (TEE) benötigt.

Nach Einschätzung des Geschäftsführers der International Rubber Study Group (IRSG) aus London, Dr. Hidde Smit, werden die Naturkautschukpreise in den kommenden Jahren jährlich um 25 bis 30 US-Cents pro Kilogramm steigen. Dies entspricht nach aktueller Berechnung einer Preissteigerung zwischen 15 und 20 Prozent pro Jahr. „Als Ursache für die anhaltende Preissteigerung wird insbesondere die dynamische Nachfrageentwicklung Chinas und weiterer Schwellenländer gesehen. Daneben besteht weltweit ein unverändert hoher Bedarf der Reifenindustrie“, erklärt Helmut Hirsch vom WdK im Gespräch mit der NEUE REIFENZEITUNG.

Trotz einer Produktionsmenge, die über der des verbrauchten Naturkautschuks lag, stiegen die Preise in vergangenen beiden Jahren an. Der Grund hierfür war hauptsächlich ein nachgeholter Lageraufbau. In 2003 wurden die Läger lediglich um 0,2 Prozent aufgestockt, ein Bestandszuwachs fand demnach praktisch nicht statt. Auch 2004 sei die Situation nicht anders gewesen: Die „technische Aufstockung der Lagermenge“ sei drei Prozent gewesen, so dass nicht das gesamte Produktionsplus auch unmittelbar für den Verbrauch zur Verfügung stand. Daher sei auch eine Angebotsüberhang auf dem Markt für Naturkautschuk nicht auszumachen, da der Rohstoff nachgefragt, aber nicht zu 100 Prozent verbraucht wurde.

Bei den Synthesekautschuken stieg der Verbrauch um 2,5 Prozent auf 386.100 Tonnen, schreibt der WdK weiter in seinem Jahresbericht 2004. Allerdings wiesen die Entwicklungen einzelner Synthesekautschuktypen unterschiedliche Verläufe auf, ohne dass wir an dieser Stelle darauf im einzelnen eingehen wollen. 63 Prozent dieses Rohstoffs fließt in die Reifenherstellung, die verbleibenden 37 Prozent in die TEE-Herstellung.

Gegenüber dem konjunkturell etwas schwächeren Jahr 2003 stieg in 2004 die Einsatzmenge des Füllstoffes Ruß um 6,6 Prozent, die von Silica sogar um 15,9 Prozent, schreibt der WdK. Füllstoffe machen etwa 30 Prozent des Reifengewichts aus, darunter insbesondere Ruß und Silica. Deren genaues Mischungsverhältnis ändere sich „je nach Einsatzart des Reifens und des Reifenmodells“. Die Beimengungen variieren also auch bei Premium-, Value-for-Money- und Budgetreifen. Bei Premiumreifen für den Gebrauch im Winter wie im Sommer setzt der Continental-Konzern Voll-Silica-Mischungen in der Lauffläche ein.

Auf die Mischung kommt es an

Mehr oder weniger genau 41 Prozent des Anteils an einem Pkw-Reifen besteht aus Natur- und aus Synthesekautschuk, teilt die Continental AG auf Anfrage der NEUE REIFENZEITUNG mit. Je nach Einsatzart des Reifens – also im Winter oder im Sommer – sei der Anteil an Naturkautschuk höher oder niedriger. Für Sommerreifen nutze man gemeinhin weniger Naturkautschuk, was die Laufleistung sowie den Grip des Reifens erhöhe; bei Winterreifen ist dies umgekehrt, „um die Mischungsflexibilität auch bei niedrigen Temperaturen zu gewährleisten“ – Preise für Winterreifen reagieren also tendenziell stärker auf Preissteigerung an den internationalen Commodity-Börsen für Naturkautschuk. Im Grunde ist das Verhältnis von Natur- und Synthesekautschuk am Reifen während der jüngsten Vergangenheit gleich geblieben und werde sich auch in Zukunft kaum ändern, ist man in Hannover bei der Continental überzeugt. Die 41 Prozent Anteil an einem durchschnittlichen Pkw-Reifen teilen sich in der Regel wie folgt auf: 24,6 Prozent bestehen aus Naturkautschuk, 16,4 Prozent aus Synthesekautschuk. Die Änderung des genauen Mischungsverhältnisses hat direkten Einfluss auf Reifeneigenschaften wie etwa die Laufleistung, die Grip-Performance und die Kälteflexibilität. Aus diesem Grund gibt es aus Hannover verständlicherweise auch keine Aussage darüber, welche Geheimnisse sich hinter der Feinabstimmung der Mischungsverhältnisse verbergen.

Obwohl der Continental-Konzern sicher zu den einflussreicheren Kunden der Naturkautschuk-Hersteller in Asien zählt, obwohl man keine Verbrauchsmengen nennen will, beschränkt sich der Einfluss auf die Preisentwicklung auf die Steigerung der Produktion durch die Förderung spezieller Anbauprojekte. In gewissem Maße unterstützt der Reifenhersteller Projekte zur Wiederaufforstung und Erweiterung der Anbauflächen. So schaffe man mehr Angebot auf den internationalen Commodity-Börsen. Da Naturkautschukbäume aber erst nach sieben Jahren nach Aussaat erstmalig beerntet werden können, lasse sich die Produktion kaum kurzfristig steigern, es sei denn, nicht angezapfte Bäume würden reaktiviert.

Die weltweite Produktion von Naturkautschuk wurde laut Weber & Schaer von 2002 auf 2003 um 8,8 Prozent auf acht Millionen Tonnen gesteigert; auf 2004 wuchs die Produktion nochmals um 7,8 Prozent auf 8,62 Millionen Tonnen. Im vergangenen Jahr stammten 93,3 Prozent der weltweiten Naturkautschukproduktion aus Asien, der verbleibende Rest wurde in Afrika und Südamerika geerntet. Interessanterweise blieb der Verbrauch von Naturkautschuk in den vergangenen Jahr hinter der Produktion zurück. Von 2002 auf 2003 hat sich der Verbrauch um 5,4 Prozent auf 7,95 Millionen Tonnen gesteigert; auf 2004 stieg der weltweite Verbrauch nochmals um 4,1 Prozent auf 8,28 Millionen Tonnen Naturkautschuk, von denen knapp 60 Prozent in Asien verbraucht wurden, 21,7 Prozent in Amerika und 17,5 Prozent in Europa. Der mit Abstand größte Konsument von Naturkautschuk ist vor den USA China, mit einem Anteil von 19,7 Prozent am weltweiten Verbrauch; in Deutschland werde 2,7 Prozent verbraucht, in Großbritannien 1,0 Prozent.

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