Conti-Studentenumfrage: Mobile Rumänen

Rumänische Hochschulabsolventen sind selbstmotiviert und sehen optimistisch in die Zukunft. Sie sind trotz Heimatliebe grundsätzlich mobil, dabei zieht es sie beruflich eher in westliche Länder und insbesondere in die USA. Dagegen werden auch noch so attraktive Arbeitsplätze in östlichen Nachbarländern wie Russland oder der Ukraine ebenso heftig abgelehnt wie solche in China oder Brasilien. Die Studenten halten ihre Ausbildung auch im internationalen Vergleich überwiegend für gut, vermissen aber massiv praktische Erfahrung. Dies sind einige wichtige Ergebnisse der repräsentativen „Continental-Studentenumfrage“, die der internationale Automobilzulieferer am Montag in Bukarest vorstellte. Das Unternehmen mit Produktionsstandorten in Timisoara, Sibiu und Satu Mare ist einer der größten ausländischen Investoren in Rumänien.

„Gut ausgebildete Talente sind ein großes Unternehmenskapital und Osteuropa besitzt ein enormes Talentreservoir. Als größter internationaler Investor in Rumänien und potenzieller künftiger Arbeitgeber für Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Betriebswirte interessieren wir uns deshalb für die Ansichten des akademischen Nachwuchses zu wichtigen Zukunftsfragen rund um Ausbildung, Beruf und Karriere“, begründete Continental-Personalvorstand Thomas Sattelberger das Engagement des Automobilzulieferers und Reifenproduzenten, der weltweit mehr als 5.000 der rund 81.000 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung beschäftigt.

Nach zwei ähnlichen Umfragen in Deutschland hat das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest im Juli insgesamt 998 Hochschulabsolventen in Rumänien befragt, 555 Studentinnen und 443 Studenten. Dabei zeigte sich, dass lediglich 1,7 Prozent auch im Ausland studiert oder ein Praktikum absolviert haben.

Auch im Inland hatten 43 Prozent keine Praktikumserfahrung sammeln können. „Daran muss sich etwas ändern, sonst ist – bei allem gesunden Selbstbewusstsein – die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Absolventen um interessante und attraktive Arbeitsplätze auf Dauer nicht zu erreichen“, sagte Sattelberger. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Continental in diesem Jahr 200 Ingenieure in Sibiu eingestellt hat, ständig mehr als 50 Praktikumsplätze an den rumänischen Standorten vergibt und praxisnahe Ausbildung unter anderem an den Universitäten in Timisoara und Sibiu fördert.

Beim Thema Mobilität für einen späteren Arbeitsplatz haben die rumänischen Studenten klare Präferenzen: 61 Prozent der befragten Absolventen würden in den USA „ganz bestimmt“ oder „eher wahrscheinlich“ arbeiten, nur 17,8 Prozent sagen „eher unwahrscheinlich“ bzw. „ganz bestimmt nicht“. Für Deutschland würden sich 50,6 Prozent „ganz bestimmt“ oder „eher wahrscheinlich“ entscheiden, 29,6 Prozent sagen „eher unwahrscheinlich“ bzw. „ganz bestimmt nicht“. Auf der anderen Seite gibt es eine deutliche Ablehnung (80,8 Prozent) eines Arbeitsplatzes in Russland und der Ukraine, China (78,9 Prozent) oder Brasilien (53,8 Prozent).

Als Gründe für diese Haltung führen rumänische Studenten zum einen die große Entfernung von Heimatland, fehlende Sprachkenntnisse und kulturelle Unterschiede an. Hier äußern sich ihre deutschen Kommilitonen durchaus ähnlich. Doch während bei den Rumänen das Angebot des „Traumjobs“ in China bei der Wunschfirma die Zustimmung nur auf 17,5 Prozent steigen lässt und die Ablehnung mit 56,2 Prozent relativ hoch bleibt, würde fast jeder zweite deutsche Hochschulabsolvent (45,7 Prozent) unter diesen Bedingungen einen Job in China annehmen.

„Die skeptische bis ablehnende Haltung gegenüber einem Auslandseinsatz wirkt sich in einem international operierenden Unternehmen bei der Karriereplanung eindeutig negativ aus“, sagte Sattelberger. Er wies als Beispiel darauf hin, dass bei der Realisierung des Continental-Reifenwerks in Timisoara mehr als 80 Experten aus knapp einem Dutzend Ländern zusammengearbeitet haben. „Hilfreich beim Abbau von möglichen, auch unterschwelligen Ängsten sind Kenntnisse über andere Kulturen, eine Aufgabe für Schulen wie Universitäten gleichermaßen. Denn Wissen über fremde Lebensart senkt die Hemmschwelle, den Schritt in die globale Arbeitswelt zu wagen.“

Immerhin möchte gut ein Drittel der befragten rumänischen Studenten gerne bei einem großen multinationalen Unternehmen arbeiten, etwa ebenso vielen Befragten ist die Größe des multinationalen Unternehmens egal. Mit 73,5 Prozent sehen rund drei Viertel der Befragten ihre Karrierechancen „sehr zuversichtlich“ oder „eher zuversichtlich“. Dagegen sind lediglich 4,4 Prozent „wenig“ oder „überhaupt nicht zuversichtlich“. Bei den deutschen Absolventen sind mit 63,1 Prozent deutlich weniger optimistisch eingestellt. Einen noch auffälligeren Unterschied gibt es bei den Frauen: Hier sehen 69,9 Prozent der rumänischen Studentinnen ihre Karrierechancen positiv, aber nur 53,8 Prozent der deutschen.

Ein weiteres Thema der ersten repräsentativen Befragung rumänischer Studenten ist die Haltbarkeit von Wissen unter dem Aspekt des lebenslangen Lernens. Hier sind deutliche Unterschiede in der Einschätzung deutscher und rumänischer Studenten sichtbar. Meinen 43 Prozent der Rumänen, ihr Wissen sei langfristig haltbar, geben dies lediglich 12 Prozent der deutschen Studenten an. 29 Prozent der Rumänen halten ihr Wissen bereits für überholt oder maximal drei Jahre haltbar, bei den Deutschen sind es mehr als 51 Prozent. In Anlehnung daran wird auch der Aufwand für Fortbildung in der Arbeitswelt unterschiedlich bewertet: 82 Prozent der deutschen Hochschulabsolventen halten einen Aufwand von mehr als zehn Prozent ihrer Arbeitszeit für notwendig, bei den rumänischen Studenten sind es nur knapp 60 Prozent.

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