Feuer öffnet Weg in die Zukunft

Bei Ellerbrock in Henstedt-Ulzburg soll es weitergehen. Nachdem ein Großbrand am Morgen des 7. November eine komplette Produktionshalle zerstört hat, befasst sich das Unternehmen, das Produkte für die Reifenrunderneuerung herstellt, mit dem Wiederaufbau der Produktion an alter Stelle. Für den derzeitigen Produktionsausfall hat das norddeutsche Traditionsunternehmen eine schnelle Lösung gefunden: Bereits zehn Tage nach dem Feuer wird ein Teil der Belegschaft in zwei Werken der italienischen Muttergesellschaft Marangoni in Italien eingesetzt, um dort kurzfristig geschaffene Kapazitäten zu nutzen. „Wir sind am Leben“, sagt Marketingdirektor Dirk Rohmann, und muss sich mit der Zukunft befassen.

Obwohl am Morgen des 7. November die Nachschicht das Feuer in der Produktionsanlage schon früh entdeckte, sogar zu löschen versuchte und die ersten Feuerwehren bereits sieben Minuten nach dem Alarm am Brandort waren, konnte die rund 6.000 Quadratmeter große Halle nicht gerettet werden. Sie brannte total aus. Offiziell spricht man bei Ellerbrock von einem Sachschaden „in zweistelliger Millionenhöhe“. Nicht bestätigte Meldungen gehen von rund 15 Millionen Euro Schaden aus. Dabei hatte die Ellerbrock Reifenrunderneuerungs-Technologie GmbH noch Glück im Unglück: Die Mischerei, das Logistikzentrum und das Verwaltungsgebäude blieben vom dem Großfeuer verschont, da sie nicht direkt an der Produktionshalle stehen. Auch die zwei Brandschutzmauern, die die Halle in drei Sektionen aufteilten, konnten ein Ausbreiten des Feuers durch die gesamte Fertigung von Laufstreifenmaterial nicht verhindern. Neben den computergesteuerten Anlagen wurden auch zahlreiche der rund 18.000 vorhandenen Formteile, mit denen Ellerbrock jährlich rund 15.000 Tonnen Rohmaterial für etwa 1.200 verschiedene Artikel verarbeitet hat, ein Opfer der Flammen. Allerdings konnten wenigstens die meisten „Rennergrößen“ gerettet werden, und das in ganzer Länge. Als Brandursache werden die Ermittler der Kripo vermutlich einen technischen Defekt angeben, ist man sich bei Ellerbrock sicher.

Viele der rund 125 Mitarbeiter des Runderneuerungsspezialisten aus Henstedt-Ulzburg nördlich von Hamburg haben allerdings keine Zeit, sich mit der Vergangenheit und dem Feuer zu beschäftigen. Stattdessen denkt man an die Zukunft. Noch am selben Tag fiel die Entscheidung über den Standort: Das Werk soll wieder aufgebaut werden und zu einer der modernsten Fabriken für Runderneuerungsmaterial in Europa werden, sagt Dirk Rohmann. Man wolle die Gelegenheit, wenn man dies überhaupt so nennen dürfe, nicht für eine Umsiedlung in ein Billiglohnland nutzen. Schließlich sei das Unternehmen seit 1919 in Norddeutschland ansässig und habe dort auch alle notwendigen Facharbeiter, ohne die die Produktion nicht laufen könne. Bis Ende dieses Jahres sollen die Aufräumarbeiten andauern. Dann wird alles besenrein sein, so dass der Wiederaufbau beginnen kann. Ellerbrock hofft auf einen Produktionsbeginn zum kommenden Winter. Über das Investitionsvolumen schweigt man sich aus. Jedoch wolle man sich nicht verkleinern, also werden auch in der neuen, produktiver arbeitenden Produktion rund 15.000 Tonnen Rohmaterial jährlich verarbeitet werden, mit denen Ellerbrock einen Umsatz von rund 33 Millionen Euro erzielt hat (Zahlen aus 2002).

Entlassungen seien kein Thema, verspricht Rohmann, auch wenn die neuen Produktionsanlagen einen noch höheren Grad an Technologisierung aufweisen werden, als die bisherigen, die erst Anfang der neunziger Jahre zum Umzug von Hamburg nach Henstedt-Ulzburg (Schleswig-Holstein) installiert wurden. „Ziel ist es, unseren Mitarbeiterstab zu halten“, so der Marketingdirektor. Auch Matthias Leppert sieht das „Positive am Desaster“: Man könne mit Planungen am Reißbrett beginnen und die „modernste, weil neueste Fabrik“ bauen, meint der für die Produktion Verantwortliche. Nun müssen die Planungen allerdings nicht bei Null beginnen. Vielmehr hatte Ellerbrock für das kommende Jahr einige wichtige Investitionen geplant. „Was eigentlich als Erweiterung geplant war, setzen wir nun als Erneuerung um“, so Leppert im Gespräch mit der NEUEN REIFENZEITUNG. Auch die Pläne für die alte Halle, sollten sie den Anforderungen der neu aufgebauten Produktionsabläufe genügen, könnten erneut genutzt werden. Dies werde sich demnächst entscheiden. Viel schwieriger seien die Maschinen für die Herstellung der Runderneuerungsmaterialien zu beschaffen. Aber auch dies würde einer Wiederinbetriebnahme zum Ende des nächsten Jahres nicht entgegen stehen. Wenn das Wetter entsprechend mitspielt, ist bereits im Frühjahr Richtfest der neuen Produktionshalle in Henstedt-Ulzburg.

Für die Zeit des Übergangs muss die Reifenrunderneuerungs-Technologie GmbH improvisieren. Abgesehen davon, dass ein Feuer zu jeder Zeit eine schlimme Katastrophe ist, hatte Ellerbrock Glück im Unglück. Das Lager war zum Ende der Hochsaison „ganz ordentlich“ gefüllt. Insofern kam es in den ersten Tagen nach dem Feuer nur zu geringen Lieferengpässen. „Unsere Kunden werden nicht darunter leiden“, sagt Dirk Rohmann, obwohl natürlich nicht in jedem Fall innerhalb von 24 Stunden nach Bestellung innerhalb Deutschlands ausgeliefert werden konnte. Dafür, so der Marketingdirektor, habe aber jeder Kunde Verständnis.

Da die Lagerkapazitäten natürlich nicht bis zur Inbetriebnahme der neuen Produktion ausreichen, musste kurzfristig eine Notlösung gefunden werden. Diese bot die italienische Muttergesellschaft Marangoni an. In zwei Werken in Italien (Rovereto und Parma) habe man Kapazitäten geschaffen, mit denen jetzt der Produktionsausfall in Deutschland kompensiert wird. Bereits zehn Tage nach dem Feuer flogen die ersten 20 Ellerbrock-Mitarbeiter für drei Wochen nach Italien, um dort die fehlenden Runderneuerungsmaterialien zu produzieren. Nach drei Wochen fliegt dann die nächste Schicht nach Italien und geht dort ihrer Arbeit nach. So wird es vermutlich bis zum kommenden Winter weitergehen, meint Dirk Rohmann. Gerade, weil man das Lager bis zur kommenden Hochsaison wieder füllen will, so dass die Auslieferung bestellter Ellerbrock-Produkte weitergehen kann. Obwohl die Produktion – wenn auch in Italien – weitergeht, musste Ellerbrock 65 seiner 125 Mitarbeiter vorerst in Kurzarbeit schicken. Seit der Freigabe der abgebrannte Halle durch die Polizei, die diese für einige Zeit wegen der Ermittlung der Brandursache beschlagnahmt hatte, suchen 15 weitere Mitarbeiter in der Brandruine nach noch brauchbaren Formteilen; beinahe täglich werden sie fündig. In der Verwaltung hingegen falle sogar teilweise Mehrarbeit an, da die Mitarbeiter mit allen Kunden sprechen und entsprechende Aufklärungsarbeit leisten, schließlich seien die Kunden ganz besonderes interessiert daran zu erfahren, wie es weitergehen wird mit der Geschäftsbeziehung.

Ellerbrocks Kunden also, zu denen etwa drei Viertel der deutschen Runderneuerer sowie zahlreich Kunden in Skandinavien sowie Osteuropa zählen, werden weiterhin beliefert. Dass das Unternehmen durch die Produktion in Italien höhere Kosten für den Transport der Ware und die Flugreisen der Mitarbeiter hat, gehe nicht zu Lasten der Kunden, verspricht Dirk Rohmann. Man wolle die Preise wegen des Feuers nicht anheben. Nun müsse nur noch eins geschehen, Rohmann und Matthias Leppert von Ellerbrock: „Die Kundschaft muss uns die Treue halten.“ Nach den ersten Erfahrungen zu urteilen, könne sich der Runderneuerungsspezialist dieser Treue sicher sein.
arno.borchers@reifenpresse.de

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