Michelin bleibt noch viele Jahre in der Formel 1

Pierre Dupasquier (66), Chef der Motorsportabteilung des französischen Reifenherstellers Michelin, erklärte gestern vor Motorsportjournalisten in Hamburg, Michelin werde weiter im Formel 1-Geschäft bleiben und zwar auch dann, wenn sich Bridgestone zurückziehen würde und kein anderer Konkurrent diese Position ausfüllen würde. Ein solches Szenario sei allerdings weitaus uninteressanter als das derzeitige sei und schon deshalb könne man es sich nicht wirklich wünschen. Im übrigen stellte Dupasquier erneut fest, dass die Entscheidung für die Formel 1 nicht von Marketinggesichtspunkten angestoßen worden sei, vielmehr sei vor Jahren Toyota auf Michelin mit der Information zugekommen, einen eigenen Rennwagen allein entwickeln zu wollen und sie sich Michelin als Partner wünschten. Später habe es ein ähnliches Gespräch mit Wolfgang Reitzle gegeben, da noch in Diensten von BMW. Die Frage sei dann nicht mehr gewesen, ob man in die Formel 1 gehen wolle, sondern ob man sich erlauben könne, den Wünschen bedeutender Kunden nicht zu folgen.

Pierre Dupasquier, in der Motorsportszene stets als „Michelin-Chef“ apostrophiert, ist ein äußerst dynamischer, quirliger und recht kleiner Mann, der sich mit dem anderen großen Mann des Motorsports, „Bernie“ Ecclestone, schon seit 30 Jahren buchstäblich auf Augenhöhe unterhalten und diesem auch Dinge sagen kann, die jüngere Kollegen lieber verschweigen würden. Dupasquier ist ein Genuss für jeden Pressesprecher und jeden Journalisten. Heute in Hamburg, morgen in Frankfurt und München. In den Wochen zuvor reiste Dupasquier mit den jeweiligen Presseleuten des Reifenherstellers durch europäische, amerikanische und asiatische Metropolen, um Bilanz zu ziehen, die Saison 2003 Revue passieren zu lassen. Er muss nicht vorgestellt werden, er legt gleich los und dann circa 90 Minuten später allmählich eingebremst zu werden, weil er so viel zu sagen hat, dass auch einige Stunden nicht ausreichen würden. Dupasquier spielt regelrecht mit den anwesenden Journalisten und ganz besonders dann, wenn ihm die Frage gefallen. Ist das Gegenteil der Fall, fallen die Antworten umso nachhaltiger und oftmals noch witziger aus. Er hat viel im Rampenlicht im Verlauf der diesjährigen Formel 1-Saison gestanden und trotz großartiger Erfolge ist der letzte, der spektakulärste Erfolg, noch einmal versagt geblieben. Ferrari und Michael Schumacher machten ihm einen ganz dicken Strich durch die Rechnung. Das sei dennoch keine Enttäuschung gewesen, Erfolge könne man nicht planen, sie kommen oder kommen auch nicht. Dies erkläre er auch den Spitzenmanagern seines Hauses. Als Reifenlieferant sei man ja nicht in der Lage, eine Stallregie zu betreiben, einem BMW-Fahrer Anweisung zu erteilen, den Konkurrenten von McLaren vorbeiziehen zu lassen, weil man dessen zehn Punkte zum Championat so dringend brauche. Jeder wolle gewinnen, jeder Fahrer, jeder Rennstall und natürlich auch jeder Reifenlieferant. Doch so viele Faktoren entscheiden über Sieg und Niederlage. Und auf viele offene Fragen gibt es laut Dupasquier kaum Antworten. Da fährt ein Pilot auf Michelin-Reifen phantastisch, zieht beim Boxenstopp einen zweiten identischen Reifen auf und behauptet dann doch später, dieser zweite Satz sei nicht so gut wie der erste gewesen. Subjektives Empfinden oder objektives Empfinden? Dupasquier: „Wir glauben immer dem Fahrer!“ Doch auch das passiert gar nicht so selten: „Wir haben nicht immer gewonnen, wenn unsere Teams oben stehen, es kann auch sein, dass einfach nur irgendein Team, Fahrer oder Reifen kollabierte.
Natürlich käme gelegentlich auch Teams an die Reifenhersteller mit dem Wunsch heran, einen Reifen zu liefern, der ihnen einen Zeitvorteil von zwei oder auch drei Zehntelsekunden gebe. Unmöglich sagt Dupasquier, denn man gehe jeden Renntag immer wieder neu an das Limit. Man verstecke keine Hundertstelsekunden, sondern gebe immer alles.

Fragen nach einem theoretischen Ausstieg der Franzosen aus der Formel 1, etwa nach dem Gewinn der Fahrer- wie Teammeisterschaft, weist Dupasquier zurück. „Solange wir den Teams von Vorteil sein können, bleiben wir. Wir denken überhaupt nicht an einen Ausstieg. Wir sind nicht von einem Jahr zum anderen bloß dabei, auch nicht über einen Zeitraum von fünf Jahren. Ausstiegsgedanken sind reine Zeitverschwendung.
Die Frage nach dem besten Reifen stellt man einem Mann wie Dupasquier erst gar nicht, aber er beantwortet auch ungestellte Fragen: „Wir versprechen keine riesigen Verbesserungen von Rennen zu Rennen, aber wir arbeiten täglich an kleinsten Verbesserungen, die sich dann übers Jahr entsprechend deutlicher bemerkbar machen. Wir wollen natürlich gewinnen und meinen, dass wir die besseren Reifen liefern. Aber das ist auch nicht sicher; Bridgestone teilt unsere Ansicht kaum. Nichts im Motorsport ist vorhersehbar.“
klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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