Kick-Off: Sicherheitsbewusstsein muss sich entwickeln

Die diesjährige Aktion PRO Winterreifen ist angelaufen. Auf der so genannten Kick-Off-Veranstaltung in Berlin läuteten Vertreter des federführenden Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR), des BRV, der Reifenindustrie und zahlreicher anderer Institutionen und Organisationen das zweite Jahr der Verkehrssicherheitsinitiative ein. Die 40 Partner der Initiative wollen in der jetzt anbrechenden kalten Jahreszeit erneut mit augenscheinlichen Irrtümern bezüglich der Umrüstung von Sommer- auf Winterreifen aufräumen, und bedienen sich dabei öffentlichkeitswirksamer Medien. Es sei erklärtes Ziel der Initiative, so der Vorsitzende des DVR Prof. Dr. Manfred Bandmann, den Winterreifenanteil aller im Straßenverkehr beteiligter Fahrzeuge signifikant zu erhöhen. Derzeit könne man mit einer Umrüstquote von rund 50 Prozent rechnen, wobei die verbleibende Hälfte nicht automatisch auf Sommerreifen den Winter übersteht. Bei der Kick-Off-Veranstaltung im Sportforum der Bundeshauptstadt erhielt Bandmann namhafte Unterstützung durch die beiden Motorsportgrößen Ellen Lohr und Uwe Alzen, die beide Werbung für die Aktion machten.

Um ihre Argumente für ein höheres Sicherheitsbewusstsein der Bevölkerung zu unterstreichen, ließen die Initiatoren von PRO Winterreifen die versammelte Presse in der Berliner Eisschnelllaufhalle versammeln. Mit Fahrzeugen, auf denen entweder Sommer- oder Winterreifen montiert waren, konnten sich die Gäste der Kick-Off-Veranstaltung ihre Vermutungen bestätigen lassen: der Sicherheitsvorsprung von Winter- im Vergleich zu Sommerreifen auf eisigem Grund ist nicht zu unterschätzen. Rechtzeitig, das heißt nicht erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist und das Verkehrschaos auf den Straßen losbricht, sei ein Umrüsten von Sommer- auf Winterreifen sinnvoll. Bereits dann, wenn man den Winter noch nicht sehen kann, also bei Temperaturen unter sieben Grad, reichen Sommerreifen für eine optimale Sicherheit im Straßenverkehr nicht mehr aus. Die Gummimischung verhärtet und der Reifen haftet nicht mehr optimal auf der Straße. Eis und Schnee auf der Fahrbahn bedeuten dann das endgültige Aus für jeden Sommerreifen.

Prof. Dr. Klaus Langwieder macht sich hingegen weniger Gedanken um die etwaigen Unannehmlichkeiten, die ein Autofahrer im Winter mit seinen Sommerreifen zu erdulden hat. Vielmehr interessieren den Unfallforscher vom Münchener Institut für Fahrzeugsicherheit die Konsequenzen, die aus einer falschen Bereifung zur kalten Jahreszeit entstehen können. Die oftmals genannte Zahl von rund 20.000 Unfällen mit Personenschäden, die in Deutschland jedes Jahr auf Regen, Schnee und Eisglätte zurückzuführen seien, so meint Langwieder, sei schlichtweg falsch. Man könne eher das Doppelte veranschlagen. Konkrete Zahlen, wie viele dieser Unfälle durch falsche Bereifung mitverursacht worden sind, nannte Langwieder nicht. Dies scheine auch nicht nötig, da Winterreifen in jedem Fall höhere Sicherheitsreserven als Sommerreifen böten. Insofern müsse „ein Reifenbewusstsein sowohl im Winter wie auch im Sommer“ geschaffen werden, forderte der Unfallforscher. Auch eine der beliebtesten Ausreden an Sicherheit wenig interessierter norddeutscher Autofahrer, im Norden des Landes würde es sowieso nie schneien, kassierte Langwieder gleich mit ein: In jedem Fall, egal ob Eis, Schnee oder auch nicht, führen Sommerreifen bei Temperaturen unter sieben Grad zu einem deutlich verlängerten Bremsweg. Und dieser könne über Unfall oder Nicht-Unfall entscheiden, so der Wissenschaftler. „Alles was ich an Reifen spare, spare ich an meiner Sicherheit“, meinte Langwieder im Rahmen der Pressekonferenz zur Kick-Off-Veranstaltung. Dies gelte natürlich auch für diejenigen, die sich mit dem Hinweis darauf aus der Affäre ziehen wollen, dass sie sowieso nur in der Stadt mit ihrem Fahrzeug unterwegs seien – also bei geringer Geschwindigkeit. Schließlich ist auch bei geringem Tempo der Bremsweg länger, wenn Sommer statt Winterreifen am Fahrzeug montiert sind.

Die Aufklärungskampagne soll aber noch mehr erreichen, als lediglich die Zahl der Verkehrsunfälle mit Personenschäden zu verringern. Jedes Jahr entsteht durch Verkehrsunfälle, zu denen die Unfälle aufgrund falscher Bereifung im Winter ebenso zählen wie etwa Wildunfälle, ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden. Die Bundesanstalt für Straßenwesen etwa beziffert den Schaden, der 2001 durch Verkehrsunfälle entstanden ist, mit 34,5 Milliarden Euro. „Mehr als die Hälfte dieser Kosten resultieren aus Personenschäden. Und das hinter diesen nackten Zahlen menschliche Schicksale stehen, brauch ich gar nicht besonders zu betonen“, so DVR-Präsident Bandmann. Es ergäben sich allerdings noch viel höhere volkswirtschaftliche Schäden, addierte man zu den direkt aus den Unfällen resultierenden Kosten noch die Kosten hinzu, die etwa durch Staus infolge eines Unfalls verursacht werden – Güter können beispielsweise nicht rechtzeitig ausgeliefert werden, mehr Benzin wird verbraucht. Dennoch, so Bandmann: „Verkehrssicherheit soll nicht der erhobene Zeigefinger sein“, sondern man wolle „diese Zusammenhänge zwischen einer adäquaten Ausstattung der Fahrzeuge mit Winterreifen und dem volkswirtschaftlichen Nutzen kommunizieren“. Aus diesem Grund sei es in den Augen der Initiative PRO Winterreifen auch nur nachvollziehbar, wenn sich die Versicherungswirtschaft ebenfalls engagieren würde. Bisher zeigen sich die Versicherer äußerst zurückhaltend der Initiative gegenüber; nicht einer gehört zum offiziellen Unterstützerkreis dazu. Die Versicherungswirtschaft müsse schließlich ein Interesse daran haben, so Manfred Bandmann, Unfälle und ihre Folgen zu verhindern. Dies sei im Sinne der Versicherer wie auch der Versicherten. Beispielsweise könnte man über einen Nachlass bei der Kfz-Versicherung für die Nutzer von Winterreifen nachdenken, wie auch Nachlässe für Wenigfahrer möglich sind, die folglicherweise – zumindest laut Statistik – weniger Unfälle verursachen.

Obwohl die Initiative PRO Winterreifen ohne öffentliche Zuschüsse auskommt, wird sie immerhin ideell von 13 der 16 Innenministerien der Länder unterstützt (sind für Fahrzeugsicherheit zuständig). Auch ein Vertreter des Bundesverkehrsministeriums (BMVBW) lobte anlässlich der Kick-Off-Veranstaltung in Berlin die Initiative als einen „deutlichen Beitrag zur Verkehrssicherheit“, schließlich seien vom Winter alle betroffen. Der Ministeriale Roland Niggestich teilte die Ansicht des DVR-Präsidenten, Verkehrssicherheit dürfe nicht der erhobene Zeigefinger sein: „Wir setzen da auf die persönliche Verantwortung des Autofahrers.“ Es gebe aber dennoch Bestrebungen eine Winterreifenpflicht einzuführen. Erst in diesem Frühjahr kam das Thema wieder auf die Tagesordnung der Innenministerkonferenz. Die Landesminister Bayerns und Baden-Württembergs hatten den Antrag eingebracht, eine entsprechende Pflicht zum Umrüsten auf Winterreifen einzuführen, über den allerdings noch nicht entschieden ist. Roland Niggestich vom Bundesverkehrsministerium erläuterte die beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, wie eine Winterreifenpflicht eingeführt werden könne, sollte sich die Politik grundsätzlich dazu entschließen. Erstens könne dies über die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) geschehen. Eine Änderung der entsprechenden Ausrüstungsvorschriften für Fahrzeuge müsste aber auf europäischer Ebene abgesegnet werden, so Niggestich, da dort die Kompetenzen liegen. Gleichzeitig würde eine entsprechende Regelung in allen EU-Mitgliedstaaten gelten, also auch im warmen Griechenland. Diese Notwendigkeit verspricht nur eine geringe Erfolgsaussicht auf diesem Weg, zumal es derzeit auch keine genaue Spezifikation gebe, so der Berliner Ministerialbeamte, was ein Winterreifen eigentlich sei. Diese erste Möglichkeit liege scheinbar auch nicht mehr auf dem Tisch des zuständigen Gremiums der Innenministerkonferenz, das sich derzeit mit dem Antrag der beiden südlichen Bundesländer befasst. Anstatt über die Ausrüstungsvorschriften (StVZO) könne eine Winterreifenpflicht, und dies ist die zweite Möglichkeit, die derzeit diskutiert wird, über das Verhaltensrecht eingeführt werden, so Niggestich, und meint damit die Straßenverkehrsordnung (StVO). Eine entsprechende Gesetzesänderung müsse aber auch eine öffentliche Unterstützung finden, ohne die eine Winterreifenpflicht kaum das Papier wert wäre, auf dem sie steht. Die Frage ist allerdings, ob sich eine Zustimmung der Bevölkerung zur Winterreifenpflicht nicht auch nachträglich entwickeln könnte, wie dies etwa bei der Gurtpflicht der Fall gewesen ist. Die kommenden Wochen werden nun darüber entscheiden, wie es mit den Planung Bayerns und Baden-Württembergs weitergeht. Für die bereits seit einiger Zeit laufende Winterreifensaison werden die Ergebnisse der kommenden Innenministerkonferenz aber keine Rolle mehr spielen.
arno.borchers@reifenpresse.de

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