Die Ära Gibara ist zu Ende (Update)

Zum 30. Juni 2003 wird Sam Gibara (64) offiziell jetzt auch als Chairman der Goodyear Tire & Rubber Co. zurücktreten und CEO Keegan (55) Platz machen. Glaubt man den Aussagen Gibaras, die er auf einem Shareholder Meeting diese Woche in Akron machte, dann war sein Rücktritt von diesem Amt von Anfang an Teil eines Übergangsplans, der nun seinen Abschluss gefunden habe. Keegan muss den Konzern nun aus einer nach wie vor sehr kritischen Situation herausführen. Unter das Kapitel Gibara aber kann ein Schlussstrich gezogen werden. Sam Gibara blickte aus Anlass des verkündeten Rücktritts zurück und meinte, viele Höhen und auch ein paar Tiefen erlebt zu haben in seiner Goodyear-Karriere. Die derzeitige Situation sei enttäuschend, auch enttäuschend für ihn. Dennoch zeigte sich Gibara zuversichtlich, dass nicht zuletzt auch mit seiner Hilfe der Konzern nun wieder auf die richtigen Schienen gekommen sei und der Turnaround gelingen werde. In amerikanischen Aktiengesellschaften hat der CEO, meist auch zugleich Chairman, eine ungeheure Machtfülle. Wenn er den Daumen senkt oder hebt, sind alle anderen Vorstandsmitglieder mehr oder weniger machtlos. Das führt dazu, dass in guten Zeiten der CEO für alle Segnungen verantwortlich gesehen wird. Aber sollte es in schlechten Zeiten nicht so sein? Dass es dem Goodyear-Konzern so miserabel geht, ist auf Managementfehler unter Gibaras Führung zurückzuführen. Gibara war ein “Finanzer” und ist es vermutlich stets in seinem Herzen auch geblieben. Bevor er die Verantwortung als CEO und Chairman von seinem Vorgänger Stan Gault übernehmen konnte, war er bereits zwei Jahre verantwortlich für die Reifengeschäfte in Nordamerika. Das ist genau die Division, die heute am Boden liegt. Allen anderen Presidents North American Tire hat Gibara in der Folgezeit heftig hineinregiert, ihnen – so wird es bis heute kolportiert – keinerlei Freiheiten gelassen. Gibara wusste es besser. Ob man Gibara mag oder nicht, ist nicht entscheidend. Tatsächlich bleibt festzuhalten, dass dieser Konzern unter seiner Führung in eine Situation geraten ist, aus der er so leicht nicht mehr, wenn überhaupt noch, herauskommen kann. Gibara wird in der Historie des Konzerns als der Chairman und CEO beschrieben werden, der den Konzern im freien Fall zur Katastrophe führte. Es hätte kaum schlimmer kommen können. Im Vormonat hat das Management endlich eine Vereinbarung mit den Banken treffen können und noch einmal eine Ausdehnung der Kredite erhalten, allerdings zu einem hohen (zu hohen?) Preis. Nicht allein, dass mehr als 100 Millionen US-Dollar an Bankgebühren fällig wurden, sondern schlimmer noch die Tatsache, dass die Banken dem Reifenkonzern alle Bedingungen diktieren konnten. Bis vor wenigen Wochen hatten Banken an Goodyear “nur” 2,9 Milliarden US-Dollar ausgeliehen, jetzt sind es knappe 3,5 Milliarden US-Dollar. Während die Kredite bis dahin aber auf ungesicherter Basis vergeben worden waren, musste Goodyear nun alles verpfänden, was nur irgendeinen Wert haben könnte, einschließlich der Markenrechte. Das Management musste sich zudem verpflichten, nur in einem sehr sparsamen Rahmen zu investieren, wobei eine Höchstgrenze von den Banken festgelegt worden ist. Und alles spielt sich vor den Augen der Öffentlichkeit ab, die Wettbewerber können staunend sehen, wie Goodyear an der Leine der Banken zu parieren hat. Das sind schlechte Aussichten für die Zukunft, denn es spricht nahezu alles dafür, dass sowohl Bridgestone als auch Michelin diese Schwächephase des Goodyear-Konzerns gnadenlos ausnutzen werden. Um es mal plastisch auszudrücken: Die Banken haben den Spitzenleuten der Goodyear Handschellen angelegt. Ohne ihre Einwilligung geschieht rein gar nichts mehr. Das ist die dramatische Wahrheit: Der Konzern hat seine Freiheit, seine unternehmerische Gestaltungsfreiheit verloren. Kann Bob Keegan diese zurückerobern? Das Akron Beacon Journal schreibt, Gibara sei zum jetzt verkündeten Rücktritt nicht gezwungen gewesen, zitiert zugleich aber auch Händlerstimmen, die mit großer Erleichterung seinen Abgang sehen und überzeugt sind, es könne jetzt nur besser werden. Andere Händler äußerten sowieso schon nur noch Verwunderung darüber, dass es unmöglich gewesen sei, Gibara schneller loswerden zu können. Wird Keegan den Turnaround noch schaffen können? Nicht alles hängt von ihm ab. Im gegebenen wirtschaftlichen Umfeld ist es unendlich schwer, eine Ergebnisverbesserung erwirtschaften zu können. Das Problem liegt in Nordamerika und es ist bei weitem nicht nur ein Kostenproblem, sondern der Konzern sieht sich auch einem schweren Marktproblem ausgesetzt, er hat den Kontakt zu vielen seiner treuen Reifenhändlerkunden schlicht und einfach verloren. Gibara hat fast ausschließlich auf die Kostenseite gezielt, eine Sparrunde nach der anderen einläuten lassen mit der Folge, dass sich die Spirale nach unten nur noch schneller drehte. Keegan hat eine Erbschaft übernommen, die sich über Nacht nicht “drehen” lässt. Was seit 1994 in Nordamerika alles schief lief, kann nur im Ablauf von Jahren geheilt werden. Die heute verantwortlichen Spitzenmanager verwalten eine schwere Erblast. Darunter kann selbst der stärkste Stier zusammenbrechen. Gerne wird heute darauf hingewiesen, dass fünf von sechs Divisions gute Ergebnisse erwirtschafteten, mit Ausnahme der nordamerikanischen Division. Das ist richtig, allerdings auch wieder nur die halbe Wahrheit. Die nicht zu übersehenden Ergebnisverbesserungen im osteuropäischen Bereich sind zum großen Teil auch auf Lieferungen an den westeuropäischen Bereich zurückzuführen. Aus Lateinamerika werden Reifen, offenbar zu Gewinn bringenden Preisen, nach Nordamerika verschifft, wo die Verluste sich nur so häufen. Oberste Priorität hat der Verkauf der Chemical Division. Bisher hat aber noch kein Spitzenmanager zugegeben, dass diese Division zu vermutlich mehr als 50 Prozent von Konzerngeschäften lebt. Jeder Interessent wird das auf den ersten Blick sehen. Welche Konsequenzen hat das? ”Wait and see” lautet die Parole derzeit. Die Gestaltungsmöglichkeiten von Bob Keegan sind zur Zeit nicht sehr groß. Wie offiziellen Unterlagen zu entnehmen ist, besteht für ihn die Möglichkeit, sich der Beratungsdienste seines Vorgängers im Amt noch ein Jahr lang für den vergleichsweise bescheidenen Pauschalbetrag von 180.000 US-Dollar – dass die Reisekosten zusätzlich erstattet werden, lässt sich ebenfalls den öffentlich vorgelegten Unterlagen entnehmen – bedienen zu können. Die Inanspruchnahme der Dienste ist ausdrücklich in Keegans freies Ermessen gestellt. Ob das Beratungshonorar so oder so fällig würde, ist nicht bekannt. Für die Stimmung im Konzern ist die Nachricht des Rücktritts eine gute Nachricht. Der Rest wird nun den Geschichtsschreibern überlassen bleiben. Wer immer an der Chronik des Konzerns mitwirken wird, hat sich auch mit dem Tun und Unterlassen, mit den Erfolgen und Misserfolgen von Sam Gibara zu befassen. Time will tell. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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