MMS-Umfrage 2002/2003: “Enttäuschendes Jahr”

“Wir haben 2002 unsere Ziele nicht erreicht!” Das sagten immerhin 62 Prozent der im Rahmen der Jahresumfrage 2002/2003 der MMS Marketing + Management-Systeme GmbH (Bad König) befragten Reifenfachhandelsbetriebe. Damit setzt sich der Trend fort, den die MMS GmbH seit Mitte der 90-er Jahre im Markt beobachtet. Denn in den letzten Jahren hat sich die Zahl derjenigen, die ihre Ziele erreicht oder überschritten haben, stetig verringert. So gaben 1985 82 Prozent an, dass ihre Erwartungen erfüllt wurden. In den Boomjahren der Wiedervereinigung 1990 bis 1992 wurden sogar Traumwerte von bis zu 89 Prozent erreicht und selbst 1995 waren es noch 84 Prozent. Mittlerweile jedoch werden die gesteckten Ziele immer seltener erreicht. Oder waren die Ziele zu ehrgeizig? Die Anforderungen an die Unternehmen sind noch in den vergangenen Jahren ständig gewachsen. Viele hätten sich, so eines der Umfrageergebnisse, neu aufgestellt oder schlankere, flexiblere Strukturen geschaffen. Immer wieder seien Entscheidungen mit einer gewissen Kurzatmigkeit getroffen worden. Strategische Ausrichtung zeichne die Besten aus, operative Stärke die Mehrzahl. ”Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Reifenfachhandel sich auf vielen Ebenen nicht unbedingt auf der Überholspur befindet”, lautet eine Erkenntnis der MMS. So hatte sich das Filialsystem A.T.U. erfolgreich zu Lasten des Reifenfachhandels positioniert. Gleiches trifft für den Vertriebsweg Autohaus zu. Auch die Vermarktung übers Internet steige mit zweistelligen Wachstumsraten und die Reifenhersteller drängen immer stärker in das Flottengeschäft. Viel konnte der Reifenfachhandel dennoch von dem natürlichen Marktwachstum, das sich aus einer permanenten Erhöhung der Fahrzeugbestände (1990 lag der Pkw-Bestand bei 31 Millionen, 2002 bei 45 Millionen) ergab, nicht auf sich konzentrieren. Andere Vertriebswege seien dagegen mit der steigenden Motorisierung gewachsen und hätten heute Marktpositionen, die eine ausbaufähige Basis darstellen. Und dieser Ausbau schreite voran: A.T.U. hat nach MMS-Informationen in den vergangenen drei Jahren 120 neue Filialen eröffnet. Im Jahresdurchschnitt also 40 Filialen. Die Ford-Organisation meldet MMS infolge für das Jahr 2002 einen Umsatzanstieg von 60 Prozent im Reifengeschäft, wenngleich von einem niedrigen Niveau. Über eine Internet-Plattform erzielt Delticom laut veröffentlichten Zahlen nach Gründung am 02.07.1999 in 2002 einen Umsatz von über 30 Millionen Euro – teils direkt an den Autofahrer, teils als Großhandel – und hat über 2.000 Servicepartner in Europa. Kleine Handelsunternehmen wachsen durch das Internet. Der Weg in die Kooperation wird deshalb als Antwort des Reifenfachhandels auf die Marktveränderungen gewertet, da der Wettbewerbsdruck für Einzelkämpfer immer stärker werde. Ein weiterer Schwachpunkt sei die lokale, regionale oder nationale Verankerung. Die Integration in ein Netzwerk bringe dagegen Wettbewerbsvorteile und über den Service neue Kunden. Einen weiteren wesentlichen Vorteil sieht die MMS-GmbH in der Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Diese Vorwärtsintegration sei einer der Schlüsselfaktoren für die nächsten Jahre. Doch einige seien noch nicht in Europa angekommen. Gleiches gelte für die stärkere Zusammenarbeit mit den Reifenherstellern. Sie soll dann noch erfolgreicher funktionieren, wenn der gemeinsame Wille in ein beiderseitiges Vertrauen aufgeht und jeder sich für die Zusammenarbeit mit dem anderen öffnet. Die Zauberformel für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit heißt laut MMS gemeinsame Planung, Prognose und Nachschub. Sie bringe für beide Seiten deutliche Kosten- und Zeitvorteile entlang der Liefer- und Wertschöpfungskette, die gehoben werden müsse. Als Beispiel werden die in der Regel kurzen Lieferzeiten der Industrie von 24 Stunden genannt, denen dann auf Handelsebene Lagerzeiten von teilweise ein bis zwei Jahren gegenüber stehen, Reifenrücknahmen werden als Beweis angeführt. Doch seit geraumer Zeit sei immerhin etwas Bewegung in die Lagerszene gekommen, nicht zuletzt durch die hohen Bestände an Winterreifen vor zwei Jahren. Sowohl Handel als auch Industrie sind laut der MMS-Jahresumfrage der Meinung, dass die jeweils vorgehaltenen Bestände zu hoch sind und sich viel zu wenig umschlagen. So wollen 59 Prozent der Händler den Lagerumschlag erhöhen und 90 Prozent der Händler wollen die Lagerbestände bei Pkw-Sommerreifen um durchschnittlich zwölf Prozent abbauen. 82 Prozent (im Vorjahr noch 95 Prozent) wollen bei Pkw-Winterreifen die Bestände um rund 15 Prozent reduzieren, und 96 Prozent der Händler wollen bei Lkw-Reifen die Bestände um durchschnittlich 13 Prozent abbauen. ”Berücksichtigt man die aktuelle konjunkturelle Situation, so läuft alles darauf hinaus, den Lagerabbau durch ein verändertes Dispositionsverhalten zu realisieren. Damit dürfte der Preiswettbewerb anhalten”, zeigt sich die MMS GmbH überzeugt. Die Erwartungen an das Jahr 2003 fallen im Vergleich zum Vorjahr deutlich negativ aus. Gingen Anfang 2002 noch 28 Prozent von einer konjunkturellen Verschlechterung aus, so sind es jetzt 52 Prozent. Letztlich wird diese Einschätzung nach Ansicht der MMS auch zu einem vorsichtigeren Dispositionsverhalten führen. Unmittelbar betroffen von der konjunkturellen Entwicklung sei hingegen die Investitionsbereitschaft. So wollen laut der Umfrage 44 Prozent in 2003 weniger investieren. Investitionsschwerpunkte sind der Autoservice sowie der stationäre Reifen-Service, Gebäude und das Internet. Seit Mitte der 90er Jahre investiert der Reifenhandel in den Autoservice. Primär sind es Kooperationen, die mit diesem Geschäftsfeld in neue Wertschöpfung investieren, gefolgt von Erweiterungen zur Einlagerung von Kundenrädern. Freie Händler investieren zuerst in den stationären Service und Internet. Stand im vergangenen Jahr die Senkung der Kosten mit 69,4 Prozent im Vordergrund, so soll in diesem Jahr die Servicequalität gestärkt, erhöht und ausgebaut werden. Für 69,9 Prozent rangiert dieses Ziel an erster Stelle, gefolgt von der Kostensenkung mit 65,8 Prozent. Den Lagerumschlag wollen 58,9 Prozent erhöhen und 54,8 Prozent die Außenstände reduzieren. Auf Anhieb hat sich mit 47,9 Prozent die Verbesserung der Liquidität an der sechsten Stelle plaziert. Diese Aussage wird als Indiz dafür gewertet, dass der finanzielle Spielraum für die Unternehmen enger wird. So wollen 31,5 Prozent ihr Eigenkapital erhöhen, um in wirtschaftlich turbulenten Zeiten längere Durststrecken überstehen zu können. Als weiterer Grund kann die Zurückhaltung der Banken gesehen werden und Basel II. Deutlich zurückgegangen ist mit 35 Prozent die Zahl der Händler, die der Industrie die Preise vorgeben wollen, zu denen sie einkaufen. Im vergangenen Jahr waren es noch 52 Prozent. Der Grund für diesen Rückgang ist mit 41 Prozent die große Zahl derer, die angeben, dass sie diese Vorgaben bereits praktizieren. Dabei erwarten 61 Prozent (2002 waren es lediglich 44 Prozent) reale Preiserhöhungen der Industrie von 3,1 Prozent bei Pkw-Sommerreifen, 3,3 Prozent bei Llkw-Reifen sowie 3,1 Prozent bei Glkw-Reifen, die auch durchgesetzt werden. Dagegen erwarten nur noch 30 Prozent der Händler reale Preisabsenkungen im Nettopreis durch die Industrie. 2002 waren es noch 36 Prozent. Damit sind die Erwartungen des Handels an die Industrie – sie möge wert- und ertragssteigernd agieren – hoch. 52 Prozent gehen davon aus, dass sie in 2003 Preiserhöhungen durchsetzen können. “Sowohl für Industrie als auch Handel wäre es wünschenswert, wenn diese Erwartungen auch Wirklichkeit würden. Andererseits hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass der Wettbewerbs- und Preisdruck so stark wurde, dass gesteckte Ziele kurzfristig aufgegeben wurden”, so das Fazit der MMS. christian.marx@reifenpresse.de

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