Kaufempfehlung für den “Michelin – Der BMW der Reifenindustrie.”

Französische und englische Wirtschaftszeitschriften berufen sich in diesen Tagen auf einen Bericht der Analysten Gaetan Toulemonde und Alexis Boyer, beide von der DM Global Equities in Paris, die institutionellen Investoren die Michelin-Aktie als klaren “Kauf” empfehlen. Der derzeitige Kurs von 31,20 Euro habe, so die Experten, ein Potenzial von bis zu 50 Euro binnen 12 Monaten. Michelin sei “Der BMW der Reifenindustrie” mit seiner erstklassigen Markenpolitik. Es wird erwartet, dass Michelin bei der Bilanzpressekonferenz in der letzten Woche Februar in Paris melden kann, im Jahr 2002 einen operativen Gewinn von mehr als 1,1 Milliarden Euro erreicht zu haben. Der für 2002 erwartete Umsatz von rund 15,7 Milliarden Euro soll in diesem Jahr auf über 17 Milliarden Euro steigen und es wird für dieses Jahr ein über 1,2 Milliarden Euro hinausgehender operativer Gewinn erwartet. Der Börsenwert des Unternehmens liegt derzeit bei 4,6 Milliarden Euro. Die Strategie von Michelin zielt seit einigen Jahren auf eine drastische Verbesserung des Produktmix. Waren vor fünf Jahren noch deutlich mehr als 60 Prozent aller produzierten Reifen sogenannte “Brot- und Butterreifen” hat sich das Verhältnis Jahr zu Jahr verbessert. Es wird geschätzt, dass der Anteil dieser Standardreifen heute noch bei rund 45 Prozent liegt, aber kurzfristig auf ca. 40 Prozent zurückfallen wird. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren unter der Führung von Edouard Michelin seine Gewinn-Erwartungen stets konkret formuliert und diese auch erreicht. Es ist erklärtes Ziel des Managements, den operativen Gewinn von derzeit 7 bis 7,5 Prozent vom Umsatz bis zum Jahr 2005 und dann auf Dauer auf 10 Prozent zu steigern. Das ist schnell gesagt, aber schwer gemacht, weil sich die Verhältnisse sehr schnell ändern könnten. Einerseits droht ein Krieg der USA mit dem Irak, der die Rohstoffpreise schnell außer Kontrolle bringen könnte und andererseits verschärft sich der ohnehin bereits hart geführte Wettbewerb der amerikanischen Automobilindustrie weiter, so dass insbesondere die US-Hersteller General Motors, Ford und vor allem Chrysler versuchen werden, sich bei ihren Lieferanten mit Preiszugeständnissen wenigstens zum Teil zu erholen. Die Hoffnung, dass die mühsam durchgesetzten Preiserhöhungen halten, ist allerdings bereits angekratzt. Während Michelin-Manager und Edouard Michelin persönlich es sich am Rande der Detroit Motor Show leisten konnten, schon jetzt ein wenig Zweifel zu formulieren, hörte man von Goodyear-Managern und dem neuen CEO Keegan, das alles sei kein Problem. Im amerikanischen Markt hat Michelin derzeit sowieso eine Ausnahmestellung. Bridgestone ist nach dem Firestone-Drama gerade wieder in die schwarzen Zahlen zurückgekommen, Goodyear macht Verluste und Continental erlitt dem Vernehmen nach im gerade zu Ende gegangenen Geschäftsjahr einen Verlust von mehr als 100 Millionen Euro auf dem größten Reifenmarkt der Welt. Alle miteinander brauchen somit höhere Preise; nur die Automobilindustrie verlangt niedrigere. Allein Michelin hatte die Kraft, sich dem Ansinnen zu entziehen und hat die Verträge mit General Motors nicht erneuert, weil dem Unternehmen kein ausreichend notwendiger Gewinn für diese Lieferungen verblieben wäre. Schätzungen laufen nun darauf hinaus, dass Michelin im Jahr 2002 einen Umsatz mit Pkw-Reifen von etwa acht Milliarden Euro und einen operativen Gewinn von gut 750 Millionen (etwa 9,5 % vom Umsatz) erwirtschaften konnte, während mit Nutzfahrzeugreifen ein Umsatz von mehr als 3,9 Milliarden Euro erzielt werden konnte sowie ein operativer Gewinn von leicht mehr als 370 Millionen, das sind ebenfalls 9,5 Prozent vom Umsatz, erreicht worden ist. Mit den anderen Reifenarten ist Michelin zwar im Gewinn, allerdings sind die Margen nicht so gut wie bei Pkw- und Lkw-Reifen und es gibt auch Verlustbringer. So ist die noch (!) in den Anfangsjahren, sozusagen in den Kinderschuhen steckende Via Michelin im Verlust, größere Verluste kommen aus dem Felgengeschäft und auch die eigene Handelsketten in Europa und den USA schreiben noch leichte rote Zahlen. Viel Luft kann Michelin sich durch eine weitere Verlagerung von Produktion in Niedriglohnländer verschaffen. Aus den Werken in Polen, Ungarn und Rumänien kommen derzeit rund 20 Prozent der für Europa produzierten Reifen. Bis zum Jahr 2005/2006 soll dieser Anteil auf 35 Prozent steigen. Es wird darauf hingewiesen, dass Continental bereits jetzt 45 Prozent aller Neureifen in Niedriglohnländern fertigen lässt. Michelin hat in dieser Hinsicht also noch ausreichend Potenzial zu schöpfen. Während nahezu alle Michelin-Wettbewerber mit ihren Lkw-Reifen Geld verlieren bzw. nur schwache Margen erwirtschaften können, strebt Michelin für die Zukunft einen operativen Gewinn mit diesen Reifen von bis zu 16 Prozent an. Das ist gar nicht verwegen, denn in den Jahren 1999 (15,7%) und 2000 (13,6 %) bewegte man sich bereits nahe dieser Marke. Was die Handelsaktivitäten anbelangt, hatte Michelin rechtzeitig zum Jahresende zu einem Paukenschlag ausgeholt und bekannt gegeben, die Viborg Group übernehmen zu wollen. Bisher schon hat der Reifenkonzern in Europa 1200 Euromaster-Niederlassungen, in denen 9800 Belegschaftsmitglieder für einen Umsatz von 1,45 Milliarden Euro sorgen. Mit der Viborg-Übernahme kommen 465 Niederlassungen hinzu, in denen mit 3400 Leuten ein Umsatz von rund 570 Millionen Euro erwirtschaftet worden ist. Die Viborg-Übernahme war und ist von besonderer Bedeutung für die Michelin-Position in Deutschland. Schlagartig hat das Unternehmen nun ein flächendeckendes Netz zur Verfügung und kein anderer Konkurrent ist in der Lage, den Großflotten und Leasinggesellschaften einen solch umfangreichen Service europaweit anbieten zu können. Das Sorgenkind ist und bleibt seit Jahren die Felgenabteilung mit einem geschätzten Verlust von 100 Millionen Euro. Entweder wird man sich bei Michelin zu einer grundlegenden Restrukturierung entschließen müssen mit hohen Investitionen oder aber ein Verkauf oder eine Schließung dieser Aktivitäten kann nicht mehr länger ausgeschlossen bleiben. Die Entscheidung ist nicht einfach. Michelin ist als Felgenhersteller eigentlich nur im Bereich Stahlfelgen von Bedeutung, der allerdings mehr und mehr an Boden gegenüber Leichmetallrädern verliert. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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