Getroffen auf der Detroit Motor Show 2003:

Günter F. Unterhauser (61) blickt zufrieden auf das Jahr 2002 zurück. Da die letzten Zahlen noch nicht verbucht sind, musste es hier noch bei der Feststellung bleiben, dass die deutsche Tochtergesellschaft, die seit 1. Januar 2003 als Bridgestone GmbH Deutschland firmiert, mehr als 500 Millionen Euro umsetzen konnte und auch der Ertrag im Bereich dessen gelegen hat, den man sich vorstellte. Der Hersteller hat in allen Produktsegmenten im Vorjahr in Deutschland zulegen können, allein im Pkw-Reifensegment sind die Anteile und Verkaufszahlen "nur" gehalten worden. Nach den Worten Unterhausers hat sein Unternehmen im deutschen Ersatzgeschäft mit Pkw-Reifen einen Marktanteil von fast 15 Prozent, wovon etwa 40 Prozent auf die Marke Bridgestone entfallen und der Rest von 60 Prozent auf Firestone inklusive der Hausmarke First Stop. Und das Ziel ist klar: Man will nicht nur in den nächsten Jahren den Marktanteil auf 20 Prozent steigern, sondern das Verhältnis Bridgestone- zu Firestone-Reifen soll weiter deutlich zu Gunsten von Bridgestone verbessert werden. Ideal und angestrebt wäre ein Anteil von 80 Prozent Bridgestone und die verbleibenden 20 Prozent sollten den Markennamen Firestone tragen. Doch bis dahin ist noch eine weite Strecke zurückzulegen. Dabei zeigte sich Unterhauser mit der preislichen Positionierung seiner Reifen im Großen und Ganzen zufrieden. Im Bereich der UHP-Reifen liege Bridgestone sogar besser als Michelin und in einigen anderen Segmenten habe man sich zum Ziel gesetzt, den preislichen Abstand zu Michelin zu minimieren. Besonderes Augenmerk liegt bei Bridgestone auf Nutzfahrzeugreifen. Mit EM-Reifen hält der Hersteller unangefochten die Nr.-1-Position und teilt sich diese zusammen mit Michelin bei großen Lkw-Reifen; sofern man nicht die Konzernanteile, sondern die Anteile der Marken Michelin und Bridgestone zu Grunde legt. Jedermann kann im Markt erkennen, dass und wie sich die beiden großen Konkurrenten tagtäglich belauern. Was Michelin mit Lkw-Reifen tut, ist von größtem Interesse für Bridgestone und umgekehrt allerdings auch. Die großen Lkw-Reifenvermarkter im Handel bestätigen, dass sich die beiden Marken hinsichtlich der Qualität in nichts nachstehen und vermutlich in Zukunft das Rennen unter sich machen werden, nicht allein in Deutschland, nicht allein europaweit, sondern sogar weltweit. Auf die Frage, wie wahrscheinlich es denn sei, dass sich der Bridgestone-Preis dem von Michelin tatsächlich annähern werde, hat G. Unterhauser eine pragmatische und zugleich überzeugende Antwort parat: "Wir müssen uns annähern. Entweder klettern wir hoch oder Michelin fällt runter. Da klettere ich lieber hoch." Die weitere Entwicklung insbesondere im Bereich der Nutzfahrzeugreifen wird man ohnehin mit großem Interesse zu verfolgen haben. Beide Unternehmen gehen einen einmal für richtig gehaltenen Weg mit aller Konsequenz; nicht gegen den Handel, aber durchaus auch gegen den Widerstand einzelner Händler. So wird das Flottengeschäft auch bei Bridgestone ein Geschäft, das sich mehr und mehr zwischen den Flottenbetreibern und den Reifenherstellern direkt abwickelt inklusive der zentralen Berechnung. Den guten und professionellen Reifenfachbetrieben fällt dabei die Rolle des Service-Providers zu. War diese Rolle lange Zeit ausschließlich negativ belegt, hat in den letzten Monaten ein Umdenken stattgefunden, nachdem insbesondere große und bedeutende Händler die Beinahe-Dämonisierung dieses Begriffs fallen gelassen und sich mit der ihnen zugedachten neuen Rolle konstruktiv auseinandergesetzt haben. Die Händler wollen Geld verdienen und wenn sie das durch Serviceleistungen für eine gute Reifenmarke und für Flottenbetreiber können, ist die neue und direkte Verkaufsform der Reifenhersteller durchaus akzeptabel. Allein, ohne Service, nützen die besten Reifen dort ja auch nichts. Dass neben Michelin allein Bridgestone die Kraft dazu hat, diese direkte Vermarktung im Markt auch umzusetzen, sagt etwas über die Stärke aus, denn Marken wie Dunlop, Goodyear und auch Continental trauen sich nicht bzw. meinen, sich nicht trauen zu dürfen und wahrscheinlich liegen sie mit dieser Einschätzung sogar richtig. Während Michelin mit Viborg über eine starke Vermarktungsbasis in Deutschland verfügt, hält sich die von Bridgestone mehr oder weniger zu kontrollierende Basis in relativ kleinem Rahmen, das gilt besonders für die Nutzfahrzeugreifenvermarktung. Es gibt derzeit 135 First Stop-Betriebe, davon zählen 35 zum direkten Besitz des Reifenherstellers (ehemalige A3-Betriebe). Die Stärke von Bridgestone liegt in der breiten Distribution. Die Marke ist hervorragend positioniert bei allen Kooperationen, begonnen bei Team über point S bis hin zur noch separat zu sehenden VRG wie auch bei anderen starken unabhängigen Reifenhandelsgesellschaften, unter denen Unternehmen wie die Pneuhage, Reifen Schwarz und andere in ähnlicher Größenordnung. Bridgestone – Die Erstausrüstungsmarke Mit der Marke Bridgestone geht der Hersteller jetzt verstärkt in die Erstausrüstung und wird Zug um Zug die Marke Firestone zu Gunsten der Führungsmarke aus dem Erstausrüstungsgeschäft herausnehmen. Und da kommt es nicht von ungefähr, dass die Premium-Marke Bridgestone, deren Bekanntheitsgrad und Image allein schon durch die so erfolgreiche Teilnahme an der Formel 1 (fünf Weltmeisterschaften bisher) in den vergangenen Jahren einen großen Sprung nach vorn schaffte, insbesondere bei den beiden deutschen Edelmarken Mercedes und BMW so gut wie noch nie zuvor vertreten ist. Bei BMW verfügt Bridgestone über Freigaben für die 3er, 5er und 7er Serie sowie für den Z3, Z4 und auch den Z8. Hinsichtlich des tatsächlichen Lieferumfangs hüllt man sich allerdings in Schweigen. Klar ist, dass man im Verlaufe der Zeit einen zweistelligen Anteil erreichen möchte. Das gilt natürlich auch für die Kundenbeziehung mit DaimlerChrysler. Die Marke Bridgestone ist freigegeben für die C-, E- und S-Klasse und der Bridgestone-Konzern wird die kommenden Jahre zu nutzen wissen, auch von DaimlerChrysler einen attraktiven Anteil am Erstausrüstungsbedarf zu erhalten. Die Verbindung mit DaimlerCh-rysler ist übrigens auch sehr gut als Lieferant von Nutzfahrzeugreifen, denn für den Schwerlaster Actros ist Bridgestone Entwicklungspartner. Bridgestone liefert mit dem Greatec exklusiv die Super-Single-Reifen. Nach wie vor ist Bridgestone aber auch gut im Erstausrüstungsgeschäft mit VW/Audi sowie Opel und nach wie vor mit Ford. Die zeitweiligen Zerwürfnisse zwischen Bridgestone und Ford in Nordamerika haben in Europa jedenfalls zu keiner Zeit zu einer Beendigung der Geschäftsbeziehung geführt; eher ist das Gegenteil der Fall. Es bleibt abzuwarten wie schnell insgesamt in der Erstausrüstung Bridgestone-Reifen gegen Firestone-Reifen auch hier ausgetauscht werden können. Dieser Austausch hat reine Marketinggründe, denn Lieferungen in die Erstausrüstung sollen natürlich auch Lieferungen in den Ersatzmarkt beschleunigen. Dem Handel soll es damit leichter gemacht werden, Bridgestone-Reifen jedenfalls dort wieder zu verkaufen, wo sie ursprünglich bereits montiert waren und der Kunde Grund hatte, mit den herausgefahrenen Leistungen zufrieden zu sein. Und die Entschei-dung, nur noch mit Bridgestone-Reifen in die Erstausrüstung zu gehen, wird auch unter dem Aspekt zu sehen sein, dass man ganz schlecht nur mit einer "Medium- oder Economy-Marke" die viel zu niedrigen Erstausrüstungspreise im Ersatzmarkt kompensieren kann. Und es zeigt auch, dass die Verbesserung der Relation von derzeit 40 Prozent Bridgestone-Reifen und die restlichen 60 Prozent Firestone-Reifen keinesfalls eine leere Absichtserklärung ist. Zur Erreichung dieses Ziels wird in die Marke investiert; Lieferungen in die Erstausrüstung können ganz sicher auch zu einem Teil als Investitionen in die Marke betrachtet werden. Nun braucht man normalerweise ja nicht extra über den Atlantik zu fliegen, wenn man Günter Unterhauser treffen und interviewen will. Doch in Detroit war er dieses Mal für den Bridgestone-Konzern unterwegs, um die Kontakte zu den Erstausrüstungskunden im Allgemeinen und zu den deutschen Herstellern im Besonderen weiter zu pflegen. So veranstaltete Mercedes ein abendliches Treffen in Detroit mit rund 150 Zulieferern (u.a. ZF, Bosch etc.) in recht angenehmer Atmosphäre, in welchem es sich Top-Manager des Automobilherstellers nicht nehmen ließen, dieses Mal mit Schürzen vor dem Bauch den Manager-Kollegen der Zulieferer etwas zu bringen und sei es nur Bier, Wein und Champagner. Doch dieser Service hatte durchaus einen realen Hintergrund. Die Botschaft war klar: Dieses Mal bringt Mercedes den Zulieferern etwas. Über das gesamte Jahr werden diese sich allerdings massiv anzustrengen haben, wenn sie im Geschäft bleiben wollen. In den USA herrscht scharfer Wettbewerb, ja Verdrängungswettbewerb. Und in solchen Zeiten kann man den Zulieferern keine Preiserhöhungen gestatten, sondern hat permanent zu fragen ob diese alle Möglichkeiten der Kostensenkung genutzt haben. Wer in diesem Bemühen nachlässt oder auch nur nicht mit vollem Herzen dabei ist und dabei geblieben ist, wird Schwierigkeiten bekommen. Keine Kompromisse, so dürfte das Motto gelautet haben, nicht in der Qualität und nicht im Preis. Erfahrungen noch ganz anderer Art machte Günter Unterhauser aber über den ganzen Abend hinweg. Dieter Zetsche, seit zwei Jahren Chef von Chrysler in Detroit, schien allgegenwärtig zu sein. Denn in den in Amerika bei größeren Banketts recht selten gut ausgeleuchteten Räumen sah sich Unterhauser immer wieder einem "Hello Dieter, how are you doing" ausgesetzt, weil er mit lichtem Haar und großem Schnauzbart jedenfalls aus der Ferne und auf den ersten Blick für Zetsche gehalten wurde. Na ja, es gibt schlimmere Erfahrungen. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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