Das neue Reifenreglement für die Formel 1-Saison 2003

Die Revolution blieb aus – doch gerade die Modifikation des Reifenreglements birgt viele interessante Aspekte. So wird künftig mehr denn je das Know-how in der Reifenentwicklung über Grand Prix-Erfolge entscheiden. Der Beschluss der Formel 1-Kommission – der neben FIA-Chef Max Mosley und FOA-Boss Bernie Ecclestone acht Grand-Prix-Veranstalter, je ein Reifen- und Motorhersteller, zwei Sponsoren- und die Team-Vertreter angehören – besagt, dass die Reifenhersteller in der Saison 2003 jedem Team zwei verschiedene Reifentypen anbieten dürfen. Zuvor hatte Paragraph 79 des sportlichen Reglements die Auswahl auf zwei Reifentypen für alle von einem Reifenpartner belieferten Rennställe limitiert. Zudem dürfen die Pneu-Hersteller nur noch einen Typ Regenreifen pro Event mitbringen. Aus Sicht von Michelin entfällt damit ein wesentlicher Vorteil des Wettbewerbers in der Formel 1. Der hatte seine Entwicklung nach Michelin-Einschätzung ausschließlich auf ein Spitzenteam zugeschnitten. Dies resultierte zwar in den bekannten Erfolgen der Scuderia Ferrari, doch auf den Boliden der anderen Partner funktionierten diese Rillenreifen -so jedenfalls die Michelin-Meinung- aber nicht annähernd so gut, was die Wettbewerbssituation der Teams nicht erleichterte. Ganz anders Michelin: Die Franzosen verpflichteten sich, allen ihren Partnern – darunter die Werksteams von BMW WilliamsF1, McLaren-Mercedes, RenaultF1, Jaguar Racing und Toyota – gleich hochwertiges Material zu stellen. Während die Rennställe im Mittelfeld der Konstrukteurswertung so einen Vorteil gegenüber ihren anders bereiften Konkurrenten erlangten, blieben Kompromisse im Kampf um die absolute Spitze nicht aus. Die neue Regel erlaubt es nun, die Reifen auf jedes Chassis maßzuschneidern und die technischen Stäbe in ihrer jeweiligen Design-Philosophie zu unterstützen. Damit einher geht naturgemäß ein steigender Forschungs-, Entwicklungs- und Testaufwand. Wenn Michelin in der vergangenen Saison rund 30 verschiedene Trockenreifen-Typen zu den 17 Grand Prix bereitstellte, so dürfte diese Zahl für 2003 mit der Anzahl der Werksteams zu multiplizieren sein: Bis zu 150 verschiedene Reifenkonstruktionen und -mischungen in einer Saison sind vorstellbar. Michelin-Rennleiter Pierre Dupasquier schreckt auch vor dieser Größenordnung nicht zurück: “Wir kamen in die Formel 1, um unsere technische Kompetenz zu beweisen – nun haben wir die beste Gelegenheit dazu”, erklärt der erfahrene Rennleiter. Noch undefiniert blieb in diesem Zusammenhang, wie eventuelle Testteams der Reifenhersteller im Zuge der geplanten Testbeschränkungen eingeordnet werden. Eine Kostenexplosion erwartet der erfahrene Motorsport-Direktor dabei nicht: “Wir machen uns wegen der neuen Regelung keine Sorgen”, so Dupasquier. “Natürlich haben wir jetzt die Möglichkeit, falls notwendig den Reifen auf die spezifischen Anforderungen eines Autos fein abzustimmen. Aber unsere grundsätzliche Aufgabe hat sich nicht verändert: einen Reifen zu backen, der zur Strecke, den Temperaturen und den Wetterbedingungen passt.” Wie wird sich die neue Vielfalt auf die Rennverläufe auswirken? “Es liegt in der Natur von strecken- und fahrzeugindividuellen Entwicklungen, dass es von Grand Prix zu Grand Prix Verschiebungen in der Rangordnung geben wird”, prophezeit Dupasquier. “Vor allem wird dem Faktor Reifen ein noch größeres Gewicht und noch mehr Beachtung zukommen.” Auch voneinander abweichende Rennstrategien können sich auszahlen: Harmoniert zum Beispiel ein Chassis besonders gut mit extrem weichen Reifen und ordert das Team diese bei Michelin, so verspricht diese Wahl eine gute Performance im Zeittraining sowie überlegenen Renn-Speed, aber auch ein bis zwei Boxenstopps mehr. Setzt ein Designer dagegen auf ein Fahrwerk, das zum Beispiel härtere Pneus zuverlässig auf Arbeitstemperatur bringt, darf sein Team vielleicht sogar ganz ohne Reifenwechsel planen. Eine weitere Änderung betrifft die Auswahl der Rennpneus für nasse Verhältnisse: Bislang standen so unterschiedliche Regenspezialisten wie der “Intermediate” für gemischte Verhältnisse, der eigentliche Regenreifen sowie der so genannte “Monsun”-Tyre für wolkenbruchartige Niederschläge zur Verfügung. Ab der Saison 2003 dürfen Reifenhersteller den Grand Prix-Teams pro Rennwochenende nur noch einen dieser Schlechtwetter-Profis anbieten.

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