Das VRG-Schiff hat Orientierungsprobleme

Eines muss man festhalten: Unter der Führung von Heymann hatte die VRG den Reifenherstellern stets eine interessante Story zu erzählen. Es ging um Wachstum, an welchem die Lieferanten teilnehmen konnten oder auch nicht. Und diese Teilnahme kostete, so ist es nun mal bei Kooperationen, Geld. Diesen Schwung scheint die VRG derzeit verloren zu haben, das aggressive Element ist nicht mehr vorhanden und Heymann-Nachfolger Pecher soll, so die Einschätzung einiger Reifenhersteller, moderater sein. Mag sein, aber moderat zu sein, verspricht der Kooperation keinen besonderen in Euro und Cent zu errechnenden Vorteil. Der Vorgang um die Verabschiedung von Heymann ist in besonderem Maße geeignet, die Hintergründe noch einmal auszuleuchten. Es geht um dieses: Heymann sollte zur diesjährigen Jahreshauptversammlung der VRG seinen Rechenschaftsbericht für das von ihm noch vertretene Jahr 2001 vorlegen. Doch dann wurde Heymann eine Verabschiedung von den Gesellschaftern nicht ermöglicht. Man ließ ihn wissen, dort unerwünscht zu sein, was einen durchaus gekränkten Klaus Heymann veranlasste, jedem einzelnen Gesellschafter seinen Bericht und seine Einschätzung der Lage zu senden. Ob das inhaltlich alles so erfreulich ist, lässt sich nicht zum Ausdruck bringen. Erfreulich müssen Rechenschaftsberichte nicht zwingend sein, vielmehr genügt schon, wenn sie der Wahrheit entsprechen. Dass diese Berichte mitsamt Unterlagen inzwischen durch den Markt vagabundieren, hat weniger der zu vertreten, der sie verfasste, sondern der- oder diejenigen, die die als vertraulich deklarierte Unterlage in Umlauf bringen. Heymann hat in seinem Schreiben (dieses liegt der Redaktion mit einer Reihe von Anlagen auch vor) an die VRG-Gesellschafter seine Zeit noch einmal Revue passieren lassen. Er schreibt, unter Vorspiegelung nicht der Wahrheit entsprechender Tatsachen zur VRG gelockt worden zu sein und er habe dann feststellen müssen, dass die VRG konkursreif gewesen sei. Sie habe mit gefälschten Bilanzen gehandelt und selbst die Overheads an die Gesellschafter seien durch Bankkredite finanziert gewesen. Brauchbare Unterlagen, Buchhaltung, Notizen über Industriegespräche etc. habe es nicht gegeben. Dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist, weiß die Redaktion dieser Zeitschrift seit vielen Jahren, sie weiß auch um eine Reihe damals abgespulter „krummer Geschäfte“. Heymann erklärt nun den Gesellschaftern seine Leistungen und blickt zufrieden zurück. Er berichtet auch von Problemen, die man ihm in den letzten Monaten in Hamburg machte, dass man ihn im März vorzeitig freigestellt habe. Das Verhalten wird von ihm als „Mobbing“ qualifiziert; jedenfalls hat er es so empfunden. Er gibt sodann seinen Rechenschaftsbericht und gibt Tipps für die Wahl des neuen Beirats, erläutert, wer sehr engagiert gewesen sei (Krupp, Wintergerst, Woerlen, Ziegler) und er empfiehlt, bei der Auswahl der Beiräte kritisch zu bleiben. Von besonderer Bedeutung sind die dem Rechenschaftsbericht beigefügten Anlagen, die zeigen sollen, welchen Kampf er, Heymann, mit einigen Beiräten (Straub, Klessinger) zu führen hatte, die allerdings auch durchaus in geeigneter Weise zeigen, dass der Beirat Straub durchaus die eigenen Interessen im Auge hatte und mehrfach für sich eine Sonderbehandlung forderte. Bereits im Jahr 1998 fordert Straub „aus ethischen Gründen“ seine Beiratskollegen auf, das Gehalt des VRG-GF zu kappen. Heymann bekam, so Straub jedenfalls, 1995 ca. 550.000 Mark, 1996 sodann 800.000 und 1997 bereits 1,2 Millionen Mark; dies verleitet Straub zur Feststellung, die Geschäftsführung habe die VRG zum „Selbstbedienungsladen“ werden lassen. Kein Wort davon, dass die VRG Ende 1995/Anfang 1996 überschuldet und quasi konkursreif war. Später dann soll Heymann sogar noch etwas mehr verdient haben. „Er war eben zu tüchtig“, meinte ein VRG-Gesellschafter, der namentlich nicht genannt werden möchte, gegenüber der Redaktion. Und auch ein Beirat muss sich doch fragen lassen, warum denn die VRG Verträge abschließt, die sie später nicht einhalten möchte. Die Verträge hat Heymann doch nicht selbst links- und rechtshändig unterzeichnet und ihnen damit Rechtskraft gegeben. Es gibt viel Korrespondenz zwischen dem Beirat Straub und seinem Beiratsvorsitzenden Klessinger, die vermuten lassen, dass sich beide Herren letztlich nicht „grün“ sind und auch wenig Vertrauen zueinander haben. Es zieht sich allerdings ein sicht- wie unsichtbarer roter Faden durch die Unterlagen, dass Beirat Straub sehr wohl seine Mitarbeit nicht nur zum Wohle der VRG erfolgen ließ, sondern er auch eigene Interessen im Auge hat. Klessinger wiederum ist finanziell recht schwach (was auch von Lieferanten bestätigt wird). Klessinger und Heymann müssen ursprünglich ein gutes Verhältnis gehabt haben, denn Klessinger bedankt sich auch schriftlich noch Ende 2000 für die gute Arbeit, so dass angenommen werden darf, dass das angespannte Verhältnis etwas mit offenkundig gewordenen Schwierigkeiten von Klessinger zu tun haben könnte. Andererseits soll es in den versandten Unterlagen auch Hinweise darauf geben, dass finanzielle Engpässe des Gesellschafters Klessinger überwunden sein könnten. Die Pech- und Pannengeschichte ist recht lang. Bei den Einstellungsgesprächen mit Heymann hatte es schon Indiskretionen gegeben. Zur Vermeidung einer Wiederholung sind die Gespräche für die Heymann-Nachfolge danach im kleinen Kreis geführt worden; vorrangig muss dort Herbert Krupp beteiligt gewesen sein. Gesellschafter Straub war jedenfalls außen vor und versuchte dennoch, sich einzuschalten mit Hinweisen wie, dass der neue Geschäftsführer nicht mehr als 400.000 Mark verdienen solle, man sich nicht zu früh auf nur einen Mann festlegen solle etc. Es ist aber davon auszugehen, dass auch Pecher wiederum ganz gut verdient und sein Einkommen irgendwo bei 0,4 bis 0,5 Millionen oder sogar leicht darüber liegt zzgl. der netten Nebengeräusche wie Firmenwagen und Pensionszusagen. Der – als wirtschaftlich sehr potent geltende – Beirat Krupp stand zur Wiederwahl nicht zur Verfügung, er hat der VRG gekündigt und wird die Kooperation zum Jahresende verlassen. Zur Rücknahme der Kündigung ist er nur dann bereit, wenn es zu einer Satzungsänderung kommt, die den Belangen der größeren Unternehmen innerhalb der VRG besser Rechnung trägt. Mit anderen Worten: Die großen Händler wollen mehr vom Kuchen. Vermutlich ist das nicht allein aus ihrer Sicht auch gerechtfertigt. Diese Einstellung hat auch Straub und es gibt ein paar mehr, die diese Einschätzung teilen. Die großen Händler können aber nur mehr bekommen, wenn das zu Lasten der kleineren Unternehmen sich vollzöge; das aber wäre das Ende der VRG-Kooperation. Gegenüber der Redaktion der Neue Reifenzeitung hat VRG-Geschäftsführer Pecher eine Kündigung durch den Gesellschafter Krupp bestritten, nachdem dies so veröffentlicht worden war. Wie zu hören war, sollen auch andere Gesellschafter eine solche Information bekommen haben. Eine solche Vorgehensweise – die Meldungen dieser Zeitschrift waren zu jeder Zeit überprüft und auf ihre Richtigkeit hin abgesichert – muss als denkbar ungeeignet angesehen werden, Vertrauen im Umgang miteinander schaffen zu können. Schwierig bleibt, objektiv betrachtet, die bei der VRG nicht zu übersehende Heterogenität. Der in Vermögensverfall geratene Großhandel Mayer Bergheim stand für 15 bis 20 Prozent der KB-Umsätze. Ärgerlich für Lieferanten wie Dunlop, Fulda, Bridgestone und Michelin, dass sie einerseits viele Millionen verloren, andererseits aber nicht einmal die Konditionen gegenüber der VRG zurück genommen haben. Das ist wohl nicht zuletzt auf Heymanns Verhandlungsgeschick zurückzuführen. Der ebenfalls umsatzstarke Reifenhändler Duro-Moll genießt bei den Lieferanten einen sehr unterschiedlichen Ruf und bekommt Vertrauen nur noch in einem stark eingeschränkten Umfang. So ist denn das Elend der VRG leicht beschrieben. Wenn Krupp nach Mayer wegfällt, man Duro-Moll von der Lieferantenseite kein uneingeschränktes Vertrauen mehr entgegenbringen will und ggf. nur 2 oder 3 weitere Händler abspringen, dann ist die Gruppe zwar homogener geworden, allerdings auch weitaus kleiner und bedeutungsloser. Die weiteren Unterlagen zeigen, dass sich die VRG-Geschäftsführung von „Lieber Klaus“ über „Guten Tag Klaus“ nun zum „Guten Tag Herr Heymann“ vorgearbeitet hat und es wird auch „hochachtungsvoll“ aus Hamburg gegrüßt. Nachdem es anfangs wohl zwischen Heymann und Pecher gut lief, müssen sich die beiden dann flott entzweit haben. Heymann glaubte vielleicht, dass sein Rat tatsächlich noch bis zu seinem Ausscheiden jetzt gefragt gewesen wäre, während Pecher nicht warten wollte und meinte, bereits alles zu wissen. Wie immer es sei. Eines ist heute schon völlig klar: Man wird zu fragen haben, ob die hohe Zeit der Kooperationen überschritten ist. Man wird sehen, wohin die Reise jetzt geht. Mit etwas mehr Geschick wären zutage getretene Emotionen nicht geweckt worden. Eine kurze offizielle Verabschiedung von Heymann, ein paar Dankesworte und anschließend auf zu neuen Ufern. Statt dessen darf sich die Branche nun auf die in Aussicht gestellten rechtlichen Auseinandersetzungen einrichten, mit denen Theo Pecher seinen Vorgänger schadensersatzpflichtig machen möchte. Etwas erfahrenere Zeitgenossen wissen eben, dass es ohnehin mit der Feststellung von Schäden im Allgemeinen und der exakten Bezifferung im Besonderen eine Sache für sich ist. Und worin überhaupt ein Schaden liegen soll, ist ziemlich unklar. So werden Fortsetzungen folgen. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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