Britische Investoren kaufen ATU

Die Nachricht als solche war nicht überraschend, bestenfalls der Zeitpunkt. Während sich Ford mit dem Verkauf seiner Schnellreparaturkette Kwik-Fit (in Deutschland unter der Marke Pit-Stop bekannt, die ihr Netz auf 400 Betriebe ausdehnen möchte) recht schwer tut und allmählich immer schmerzlicher merkt, den vor drei Jahren bezahlten hohen Betrag auf keinen Fall auch nur annähernd erzielen zu können, war es dem Unternehmensgründer Peter Unger leicht möglich, die Mehrheit der Anteile seines Unternehmens verkaufen zu können. Im letzten Winter wurden Verkaufsgespräche öffentlich bekannt und von Unger bestätigt. Er wolle seine Nachfolge regeln und dafür Sorge tragen, dass sein Unternehmen das eingeschlagene rasante Wachstum fortsetzen könne. ATU eröffnet seit Jahren schon praktisch jede Woche eine neue Filiale. Dabei handelt es sich um große Objekte in den besten Lagen. Gerüchte über Schwierigkeiten bei ATU wurden gerne mal aus Kreisen des Reifen- und Autofachhandels lanciert, doch handelte es sich dabei um eher unsinnige Aussagen. ATU gilt als sehr gesundes Unternehmen mit einer sehr starken Verankerung am Firmensitz in Weiden/Oberpfalz. Dem 58-jährigen Firmenchef, der übrigens für die Geschicke des Unternehmens als Geschäftsführer zusammen mit seiner derzeitigen Führungscrew verantwortlich bleibt, ist es ganz offensichtlich gelungen, für eine Mehrheitsbeteiligung mehr als 500 Millionen Euro erlösen zu können. Zusätzlich bleibt ihm noch eine wesentliche Beteiligung. Gemessen daran ist Unger damit noch weitaus erfolgreicher als der als Visionär angesehene charismatische Führer von Kwik-Fit, Sir Tom Farmer. Wie Farmer versteht Unger es, eine ganze Mannschaft hinter sich zu scharen und täglich neu zu motivieren. Das Unternehmen hatte von Anfang an eine sehr klare Ausrichtung und folgte dieser auch im Tagesgeschäft ohne Einschränkungen. Mit den auf das Unternehmen perfekt zugeschnittenen Einkaufs- und Logistiksystemen, die insbesondere der Reifenindustrie anfangs gar nicht „schmecken“ wollten, schaffte ATU die Grundlagen für den Erfolg. Die Lieferanten versorgen nicht die einzelnen Niederlassungen, sondern die großen ATU-Distributionszentren. Von dort versorgt ATU selbst die Verkaufsstellen mit allen Produkten. Die gesamte Logistik und Distribution ähnelt in frappierender Weise dem, was die Aldi-Brüder früher schon vorgemacht hatten. Der Schlüssel des Erfolgs liegt aber, wie könnte es in einem großen Handelsgeschäft auch anders sein, in den erstklassigen Werbe- und Marketingkonzepten. Von Anfang an war ATU damit weitaus besser als alle anderen Wettbewerber, die sich erst dann daran machten, den Vorsprung aufzuholen. ATU hat den Ruf, sehr lieferfähig, sehr kompetent und auch sehr preisgünstig zu sein. Billig allerdings ist ATU nun wirklich nicht und auch nie gewesen. Peter Unger hat den Ruf eines „Workaholic“ und Eitelkeiten sind ihm so völlig fremd, dass solche jedenfalls nie nach außen drangen. Unger verkaufte vor gut 15 Jahren seine zwölf Reifenhandelsfachbetriebe an die Pirelli-Tochter Pneumobil zu einem sehr guten Preis und er konnte darüber hinaus den Reifenhersteller Pirelli zum Abschluss langfristiger Pachtverträge für Ungers Immobilien veranlassen. Als Reifenhersteller saß von Anfang an der Goodyear-Konzern über seine Tochterfirma Gummiwerke Fulda mit im Boot und bekannte sich zu dieser für die damaligen Marktverhältnisse jedenfalls eher ungewöhnlichen Geschäftsbeziehung, die vom unabhängigen Reifenfachhandel auch vehement bekämpft worden ist. Der Continental-Konzern konnte sich damals nicht zu dieser Offenheit entschließen, sondern er belieferte ATU über eine osteuropäische Gesellschaft und bestritt, genauere Kenntnisse zu haben oder auch nur so viel genau genug zu wissen, um entsprechend reagieren zu können. Allerdings wurde dann auch bekannt, dass das ehemalige Vorstandsmitglied für den Bereich Marketing und Verkauf des Continental-Konzerns, Wilhelm Schäfer, im Beirat von ATU saß. Heutzutage wird ATU natürlich von allen Reifenherstellern beliefert. Der Verkauf von Anteilen dürfte kaum zu einer Änderung der Geschäftspolitik führen, so dass die großen Lieferanten, zu denen u.a. die Continental-, Goodyear- und Michelin-Konzerne zählen, auf die Neuigkeiten relativ entspannt reagiert haben. Welche Rolle die Investorengruppe Doughty Hanson & Co. spielt, ist unklar bisher. Diese Gruppe soll, so weit man jedenfalls bekannt, im Bietgeschehen um Kwik-Fit keine Rolle spielen. Marktbeobachter gehen somit davon aus, dass ATU innerhalb der nächsten zwei Jahre an die Börse gebracht werden soll. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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