Der Abgang von Jacques Nasser. Schade oder gut so?

Georg Kacher erinnert sich offensichtlich gern an seine Begegnungen mit Nasser, der nie PR-Aufpasser gebraucht habe noch einen Fragenkatalog vorab haben wollte, sondern dem das Gespräch gelegen habe, in dem er dann zu überzeugen versuchte. Die Ford-Familie habe („als die Wirtschaft noch gesund war und der Explorer kein Reifenproblem hatte“) den dynamischen Chairman als eine der Schlüsselfiguren der amerikanischen Automobilindustrie anerkannt. Kacher zeigt sich überzeugt, man werde „in fünf oder zehn Jahren ‚Little Big Man‘ als einen der wenigen kompetenten Manager in einem Atemzug nennen mit Lee Iacocca und Bob Lutz“. Die vergleichsweise kleinen Fehler beschreibt Kacher so: zu hohe Investitionen ins Internet, Druck auf die Zulieferer, Umstrukturierung des Händlernetzes. Dass dies längst nicht alles ist, ist Kacher auch klar, aber er zieht eben seine Schlussfolgerungen anders. Nasser habe kaum mitbekommen, dass Nachfolgemodelle fehlten und die Qualität nicht mehr stimmte. Überkompensiert ist das wohl durch den Erfolg des Focus oder die Edel-Division PAG. Nasser habe auch „kein Händchen für den Nachwuchs gehabt, gute Talente ließ er ziehen und ersetzte sie durch farblose Ja-Sager. Die Manager-Qualität bei Ford ist an entscheidenden Punkten schwach oder auch überaltert.“ Und selbst dies ist Kacher nicht verborgen geblieben: „Sein größter Fehler war, sich nicht ausreichend ums Kerngeschäft gekümmert zu haben. Stattdessen wandte er sich neuen, für ihn spannenderen Aufgaben zu.“ Insgesamt schimmert Kachers Sympathie zu einem Mann durch, dessen Auftreten ihm durchaus imponiert haben mag. Und dass Nasser irgendein erfolgloser Hansdampf war oder ist, hat kein vernünftiger Mensch bisher behauptet. Allerdings kann man aber durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass ein Führer, der sich nicht ausreichend ums Kerngeschäft kümmert, ablösungsbedürftig ist. Dass ein Führer, der sich mit farblosen Ja-Sagern umgibt, eben keine Führungskraft unter Beweis stellen kann. Last but not least kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass Nasser sich selbst aus dem Amt gehievt hat. Er hat im Explorer-Debakel alle Schuld auf Firestone abwälzen wollen, obwohl klar ist, dass bei jeweils 100 Überschlägen bestenfalls vier bis fünf Mal ein Reifen in Mitleidenschaft gezogen war. Mit seiner unsäglichen Taktik, den Reifenhersteller Bridgestone/Firestone zum Alleinverantwortlichen abstempeln zu wollen, ist er grandios gescheitert. Das dämmert den verbliebenen Ford-Verantwortlichen jeden Tag. Nie zuvor in der amerikanischen Automobilgeschichte ist ein Zulieferer, Schuldfrage hin oder her, so an die Wand gestellt worden von einem Automobilkonzern. Mit immer neuen Ideen sind jahre- und monatelang Ford-Ingenieure bei Reifenherstellern aufgekreuzt, um Reifen noch günstiger machen und beziehen zu können zwecks Gewinnmaximierung des Automobilherstellers, der mit dem jahrelangen Erfolg des Dukatenesels Explorer nahezu auf Wolke sieben schwebte. Fraglich scheint heute nur noch, ob Firestone zu sehr nachgegeben hat oder der Druck seitens Ford zu allmächtig geworden war. Wären es die Reifen tatsächlich gewesen, wie von Ford und Nasser behauptet, hätte es dem Autohersteller sehr gut zu Gesicht gestanden, den schwierigen Weg gemeinsam mit seinem Zulieferer zu gehen statt ihn öffentlich zu demontieren. Alle anderen Ford-Zulieferer haben diesen Fall, der sich als case study sehr gut eignet, täglich klar und deutlich vor Augen. Gibt es eine Vertrauenskrise zwischen Ford und den Zulieferern? Welcher Zulieferer würde es öffentlich zu sagen wagen. Aber hinter vorgehaltener Hand äußern sich Zulieferer schon recht deutlich. Wie immer man Nasser bewerten mag, für viele Zulieferer gilt: Er ist weg, und es ist auch gut so.

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