Hayes Lemmerz flüchtet in Nordamerika unter Chapter 11-Konkursverfahren [6.12.01]

“Sie kennen uns als weltgrößten Räderhersteller!” So werden Besucher der Website von Hayes Lemmerz begrüßt. Möglicherweise heißt es bald nur noch: Sie kannten uns als weltgrößten Räderhersteller! Genau fünf Jahre ist es her, dass die Familie Lemmerz aus Königswinter ihren Betrieb an Hayes verkaufte. Für einen dreistelligen Millionenbetrag in US-Dollar sowie für ein Aktienpaket von 17 Prozent am Gesamtkonzern. In guten Zeiten verkörperte dieser Anteil einen Wert von rund 150 Millionen US-Dollar; derzeit sind es gerade mal 2,5 Millionen US-Dollar; und verkäuflich ist der Anteil sowieso nicht mehr. Im Vertrauen darauf, den richtigen Partner gefunden zu haben, entschloss sich Horst Kukwa-Lemmerz 1996, für sich und seine Familie den Konzern weiter mit einem doch bedeutenden Aktienpaket zu begleiten, obwohl Minderheitsaktionäre nach amerikanischem Recht im Grunde ohne jeden Einfluss sind. Das wird er angesichts der Bemühungen des vorigen Managements, den Konzern zu einem Komponentenhersteller weiter entwickeln zu wollen, schmerzlich verspürt haben, denn mit seinem Widerstand gegen eine aus seiner Sicht falsche Strategie konnte er sich nicht durchsetzen. Dabei wurden die Akquisitionen ohne Eigenkapital durchgezogen; der nun nicht mehr zu bedienende Schuldenberg schwoll dramatisch an. Nun sollen aber “widrige Marktkonditionen” als Erklärung dienen, was nur als Ergebnis einer fehlgeschlagenen Strategie zu verstehen ist. Ein, wie es heißt, Gläubigersyndikat hat der Gesellschaft Kredite von bis zu 200 Millionen US-Dollar zugesagt, die den Konzern in der Lage halten sollen, seinen Verpflichtungen gegenüber Mitarbeitern und Lieferanten in Nordamerika nachkommen zu können. In der Vergangenheit war es Hayes Lemmerz in USA schon fast nicht mehr möglich, Rohstoffe und Materialien auf Kreditbasis einkaufen zu können. Der erst vor einigen Monaten ins Amt gekommene CEO Curtis J. Clawson, der so etwas wie ein Feuerwehrmann in der Automotive-Branche zu sein scheint, verstreut unentwegt Zuversicht. Man wolle aus dem Verfahren stärker als je zuvor herauskommen und man werde “am operativen Geschäft so lange feilen, bis wir die zufriedensten Kunden, die niedrigsten Kosten und die besten Mitarbeiter der Branche unter einem Dach vereinigt haben”. Zu den Maßnahmen gehört auch ein Belegschaftsabbau um etwa 11 Prozent in Nordamerika sowie die Schließung zweier Werke. Inzwischen bemühen sich die bisher vom Konkursverfahren nicht betroffenen europäischen Tochterfirmen des Konzerns, Ruhe in die Belegschaften zu bringen. Richtig ist, dass formal eine Trennung von den Schwierigkeiten in USA erfolgt. Ob die Dämme aber auf Dauer halten, ist wirklich nur sehr schwer einzuschätzen. Gelingt es Clawson, wirklich relativ schnelle Fortschritte in Nordamerika nachweisen zu können, dürften die europäischen Firmen im Großen und Ganzen unbeschädigt herauskommen können. Letztlich aber wird man sehen müssen, welche Forderungen die Gläubiger geltend machen können und welche Forderungen die Muttergesellschaft in USA gegenüber dem europäischen Arm des Konzerns tatsächlich hat, denn es wäre völlig falsch so zu tun, als hätten die Europäer mit dem Konzernteil in USA nichts zu tun. Es besteht nach wie vor eine große Gefahr, dass sich die Schlinge auch um die sehr erfolgreichen und auch durchaus ansprechend profitablen europäischen Gesellschaften legen wird (siehe hierzu auch unseren Beitrag in NEUE REIFENZEITUNG Heft 12/2001), die zu dem Fiasko absolut nichts beigetragen haben und sich ihm dennoch nicht einfach entziehen können. klaus.haddenbrock@reifenpresse.de

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