“Sportec M-1” ersetzt Metzelers “ME Z3”

Mit dem “Sportec M-1” hat Metzeler Ende Juli der internationalen Fachpresse in Biarritz/Frankreich den Nachfolger des “ME Z3” vorgestellt. Der neue Motorradreifen soll sich als optimaler Partner für Fahrer sportlicher und supersportlicher Maschinen mit einem “engagierten Fahrstil” empfehlen und ist daher zwischen dem Sporttouring-Reifen “ME Z4” des Herstellers und dem eher für Einsatz auf der Rennstrecke konzipierten “Rennsport” positioniert. Mit dem Start der Auslieferung der zunächst fünf Vorderrad- bzw. sechs Hinterraddimensionen ist ab Anfang Oktober zu rechnen. “Marktgerecht” soll laut Vertriebsmanager Holger Schwedt die Preisgestaltung bei dem “Sportec M-1” sein, für den bereits auch zahlreiche Freigaben vorliegen. Das heißt wohl nichts anderes, als dass Metzeler die Preisschraube nach unten dreht und die Differenz zum ärgsten Wettbewerber Bridgestone damit reduziert. “Wir wollen nicht länger nur unseren Marktanteil halten, wir wollen angreifen”, so Schwedt. Besonders kämpfen will aber auch Bridgestone – die aktuelle Nummer zwei im deutschen Motorradreifengeschäft – in diesem Jahr. Mit neuen Marketingprogrammen soll dafür gesorgt werden, dass der “blaue Elefant den Rüssel hängen lässt”. So die Anspielung im Rahmen der letzten Bridgestone-Jahreskonferenz auf die derzeit in diesem Segment immer noch vorn liegende Metzeler. Aber eigentlich wollte der Reifenhersteller schon im vergangenen Jahr an Metzeler vorbeiziehen, allein geglückt ist es letztendlich nicht – trotz relativ vieler aktueller Produkte. Dem “Überholmanöver” hinderlich waren Lieferengpässe, mit denen Bridgestone im zurückliegenden Jahr zu kämpfen hatte. Wenn jetzt also Metzeler wieder mehr auf Angriff umschaltet, ist erst einmal für genügend Spannung im Motorradreifenmarkt gesorgt. Viel Neues, aber auch bewährtes haben die Metzeler-Entwicklungsingenieure dem “Sportec M-1” mit auf den Weg gegeben. Denn nur wenn die Reifen mit verschiedenen Straßenbedingungen, Geschwindigkeiten, Temperaturen fertig werden und selbst bei Nässe noch genügend Sicherheitsreserven bieten, können Fahrer von High-Speed-Motorrädern überzeugt werden und macht Motorrad fahren richtig Spaß. Als so genannter “Speed-Fun-Reifen” hat sich der neue Metzeler “Sportec M-1” die Erfüllung genau dieser Anforderungen auf die Fahnen geschrieben: Optimale Haftung schon bei niedrigen Temperaturen, hervorragender Nass- und exzellenter Trockengrip sowie ein breiter Grenzbereich, der sich rechtzeitig und deutlich ankündigt, lauten die Kriterien, die für den Nachfolger des sich mittlerweile rund vier Jahre auf dem Markt befindlichen “ME Z3” festgelegt wurden. Oder auf den Punkt gebracht: Der Reifen soll niemals mit unangenehmen Überraschungen für den Fahrer aufwarten – weder bei höchsten Geschwindigkeiten noch beim Bremsen oder in Schräglage. Und so übertrifft der “M-1” nach Metzeler-Aussagen seinen Vorgänger und auch dessen “Racing”-Ausführung in vielen Eigenschaften. “Ein besonderer Schwerpunkt wurde jedoch auf die Optimierung der Nass- und Trockenhaftung sowie des Handlings gelegt”, erklärt Produktmanager Michael Müller, der bei dem Reifenhersteller auch für das Erstausrüstungsgeschäft verantwortlich zeichnet. Um ihr Ziel zu erreichen, haben die Metzeler-Ingenieure nach eigenen Worten viele Konstruktionsdetails/Designparameter des neuen Reifens optimiert. Beispielsweise wurden dimensionsabhängig unterschiedliche Karkasskonstruktionen für den “Sportec M-1” entwickelt. Grund dafür sind die unterschiedlichen Anforderungen: Zum einen wird ein Vorderradreifen schon prinzipiell anders belastet als ein Hinterradreifen, zum anderen müssen die hinteren Pneus je nach Dimension, Maschine und Fahrstil nochmals differenziert betrachtet werden. “Auch wenn es nur “Kleinigkeiten” sind – die Nuancen sind spürbar”, so Müller. Die Karkasse der “Sportec M-1”-Vorderradreifen verfügt zum Beispiel über zwei Gewebelagen aus leichter und extrem hochfester PEN-Faser (Polyethylene-Naphtalat). Auf diesen Werkstoff greift übrigens auch Metzeler-Konzernmutter Pirelli schon seit einiger Zeit bei den Modellen “Dragon EVO” und “Supercorsa” zurück, weil – so die Techniker – dieses “High-Tech”-Material des amerikanischen Herstellers AlliedSignal (vgl. NEUE REIFEN-ZEITUNG 6/99) den üblicherweise verwendeten Karkassmaterialien Nylon oder Rayon in Bezug auf Bremsstabilität und Dämpfungseigenschaften überlegen sei und zudem eine Gewichtsersparnis mit sich bringe. Die Karkasse des 180er Hinterradpneus ist mit Lagen aus hochfestem Rayon-Fasergewebe nach einer Metzeler-Sonderspezifikation ausgestattet. Der 190er hingegen ist auf einer Nylon-Karkasse aufgebaut. Das dabei verwendete Nylon wurde dem Vernehmen nach in seinen physikalischen Eigenschaften speziell auf den Einsatz mit 0-Grad-Stahlgürtel hin optimiert. Schließlich verfügen alle “Sportec M-1”-Reifen einheitlich über einen 0-Grad-Stahlgürtel, da Metzeler überzeugt ist, dass diese Technik das Maß der Dinge ist und wesentlich zum Fahrspaß beiträgt – gerade was die Hochgeschwindigkeitsstabilität und eine geringe Kickback-Neigung angeht. Dennoch wurde die Technologie weiterentwickelt und optimiert: Bisher wurde der Stahlgürtel der Metzeler-Reifen in gleichmäßigen Abständen auf die Karkasse aufgespult, beim “M-1” kommt jedoch erstmals das neue Metzeler Advanced Winding-System (MAW-System) zum Einsatz, bei dem die Abstände der Windungen unterschiedlich ausfallen und belastungsspezifisch angepasst sind. Diese Lösung hat den Vorteil, dass der Reifen speziell auf seinen Einsatzzweck abgestimmt werden konnte. Enge und weite Wicklungen werden dort eingesetzt, wo sie sinnvoll sind, zudem spart dieses Prinzip Gewicht ein, was wiederum die ungefederten Massen am Motorrad verringert. Metzeler leitet daraus einerseits einen “Elastizitäts- und Dämpfungsvorteil” ab, der Kickback-Anregungen sofort und problemlos absorbiert. Andererseits unterdrücke der zugfeste und hochelastische 0-Grad-Stahlgürtel mit seinen belastungsspezifischen Wickelabständen jedes Pendeln bereits im Ansatz. Das MAW-System ist seinen Entwicklern zufolge auch für das ausgewogene und präzise Handling des neuen “Sportec” mit verantwortlich. Allerdings setzten die Ingenieure darüber hinaus auf eine rennsporterprobte Mehrfachradienkontur des Vorder- und Hinterrades. Vorne macht ein kleiner Radius in der Reifenmitte den Reifen “spitz” und ermöglicht ein leichtes Einlenken bei geringer Aktivierungsenergie, ein größerer Radius im Schulterbereich macht den Reifen “flach” und soll so viel Kontaktfläche und damit ordentlich Grip bieten. Beim Hinterrad gesellt sich noch eine weitere Krümmung hinzu. In der Reifenmitte ist es zunächst genau so wie vorn, dann schließt sich ebenso ein größerer Radius an, aber im Schulterbereich kommt wieder ein kleinerer Radius zum Einsatz, um dem Reifen mehr Kontrollierbarkeit im Grenzbereich mit auf den Weg geben zu können. Über die konstruktiven Merkmale des Reifenunterbaus bei Metzelers Neuentwicklung hinaus, haben die Ingenieure des Reifenherstellers zudem Hand an die Gummimischung des Reifens angelegt. Sie soll bereits bei niedrigeren Temperaturen mehr Grip aufbauen als bisherige Mischungen, was vor allem der Verwendung eines neuen “Hightech-Structure”-Rußes in Verbindung mit einer modernen “Silica-Silan-Matrix” zugeschrieben wird. Ein schnelles “Warm-up” bedeutet Haftung und damit Sicherheit von Beginn an. “Dank der sehr guten Wärmeleitfähigkeit des Stahlgürtels wird darüber hinaus die durch Walkarbeit entstehende Wärme schnell im ganzen Reifen verteilt”, ergänzt Michael Müller. Temperaturspitzen könnten auf diese Art vermieden werden und der Reifen erwärme sich schnell und gleichmäßig. Dies kommt natürlich besonders bei extrem niedrigen Außentemperaturen und bei Nässe zum Tragen, denn auf nasser Straße wird die optimale Reifentemperatur oft nicht erreicht. Zum einen, weil die Umgebungstemperatur bei Regen in der Regel sehr niedrig ist, zum anderen wegen der niedrigen Fahrgeschwindigkeit, die den Reifen wegen zu geringer Walkarbeit nicht ausreichend auf Temperatur kommen lässt. Der “Sportec” kommt nach Metzeler-Aussagen aber selbst unter solch widrigen Umständen auf die Temperatur, die er braucht, um Grip aufzubauen. Einen weiteren Beitrag zur Nässe-Performance des neuen “M-1” liefert die Profilgestaltung des Reifens, die abgesehen von den chemisch-mechanischen Eigenschaften der Mischung auch die Lebensdauer eines Reifens mit bestimmt. Beim Profildesign ging der Reifenhersteller zwecks Optimierung daher nach eigenen Worten neue Wege: Eine rechnergestützte Profilverteilungsanalyse der dynamischen Reifenaufstandsfläche führte letztendlich zu einem im Vergleich zum “ME Z3” komplett anderen Profilbild, die Positiv-Negativ-Verteilung wurde demzufolge mit Hilfe der Computeranalyse in optimaler Weise ausbalanciert. Schließlich bringt ein hoher Positivanteil ordentlich Grip, viel Negativanteil – also Profilrillen am Boden – bedeuten eine gute Wasseraufnahme und Drainage, wobei zudem noch Laufleistung und Grip von den gewählten Parametern abhängen. Die Kunst besteht nun darin einen möglichst guten Kompromiss zu wählen. Das Vorderrad hat in der Reifenmitte einen hohen Negativanteil, da hier Wasseraufnahmefähigkeit gefragt ist. Mit zunehmender Schräglage, wo mehr Grip gefragt ist, nimmt der Positivanteil zu. Da bei nasser Fahrbahn – im Gegensatz zu trockenem Asphalt – vergleichbar große Schräglagen nicht erreichbar sind, ist die abnehmende Drainagefähigkeit kein Problem. Das bedeutet immer voller Grip und gleichmäßiges Abriebbild bei Trockenheit. In der Laufflächenmitte des Hinterrades, wo es besonders auf Laufleistung und Antriebsgrip ankommt, verfügt der “Sportec” über einen höheren Positivanteil. Aquaplaning ist bei Geradeausfahrt eher unkritisch und macht sich meist nur durch ein durchdrehendes Hinterrad bemerkbar. Zudem läuft das Hinterrad in der “freigeräumten” Spur des Vorderrades auf einem deutlich dünneren Wasserfilm. Bei mittlerer Schräglage, ein Bereich der bei Nässe besonders wichtig ist, ist die Wasseraufnahmefähigkeit des Profils am größten. Der Anteil des Negativprofils ist dabei so dimensioniert worden, dass neben der Wasseraufnahmefähigkeit die Antriebs- und Seitenkräfte stets optimal übertragen werden können. Bei noch größerer Schräglage nimmt der Positivanteil wieder zu, denn jetzt ist absoluter Kurvengrip gefragt. Angefangen beim 0-Grad-Stahlgürtel über die Mehrfachradienkontur und die belastungsspezifischen Wickelabstände bis hin zur verwendeten Mischung oder der Profilgestaltung – das alles verspricht mehr Fahrspaß und Sicherheit für die Zweiradfahrer, die mit ihrer Maschine sportlich unterwegs sein wollen. Die Gesetze der Physik gelten jedoch auch für den besten Reifen: Irgendwann ist der Grenzbereich erreicht, in dem der Pneu seine Haftung verliert (Seitenkraftabriss). Besonders wichtig ist daher, dass sich der Fahrer auf eine gut spürbare Rückmeldung verlassen kann, bevor der kritische Bereich überschritten wird. Beim neuen Metzeler-Sportreifen wurde deshalb darauf geachtet, dass er seinen Grenzbereich rechtzeitig und sanft ankündigt. Schließlich lautete Ziel Nummer eins des Reifenherstellers, mit dem “Sportec M-1” einen “optimal beherrschbaren Reifen in jeder Fahrsituation” zu entwickeln. Von dessen Eigenschaften konnte sich die zur Präsentation des “M-1” nach Biarritz/Frankreich geladene Motorrad- und Reifenfachpresse auf Landstraße, Autobahn sowie auf der Rennstrecke Pau Arnos selbst ein Bild machen. Nun bleibt abzuwarten, wie der Reifen bei den Kunden ankommt und ob Metzeler damit der große Wurf zum Erreichen von Ziel Nummer zwei – dem erfolgreichen “Kampf” gegen Bridgestone – gelungen ist.

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